Bei dem weltwärts-Programm ist für die Freiwilligen ein Zwischenseminar vorgesehen. Da es in Burundi, aber nur uns vier Freiwilligen gibt, mussten, besser gesagt, durften wir Burundi für das Seminar verlassen und machten uns auf nach Ruanda.
Wir, dass sind Claire und ich, setzten uns also voller Vorfreude in den Bus nach Kigali. Eigentlich wussten wir, dass Ruanda und Burundi sich sehr ähneln und waren darum umso mehr überrascht, als wir nach einer nur sechsstündigen Busfahrt in einer völlig anderen Welt landeten. Wir hatten das Gefühl in Europa zu sein. Begeistert und staunend gingen wir durch die Straßen und ich traute meinen Augen kaum. Hochhäuser, moderne Gebäude, Leute saßen in Cafés, stylisch und mordern gekleidet, Frauen hatten lange Haare (nicht nur diese typische Kurzhaarfrisur, die in Burundi so gut wie jede Frau trägt). Es gibt eine richtige Einkaufs-mall, mit einem Supermarkt, der mir dann endgültig die Sprache verschlug. Er war nicht nur riesig, es gab darin einfach alles, Dinge die ich schon seit 9 Monaten nicht mehr gesehen, ja schon fast vergessen hatte. Eigentlich brauche ich euch nicht viel von diesem Supermarkt zu erzählen, er war einfach genau so wie die Supermärkte, in die ihr tagtäglich geht und die euch nicht sehr beeindrucken. Aber ich hätte Stunden damit verbringen können, einfach nur die Regale entlang zu gehen, zu staunen und mich zu freuen.
Zudem wird man in Kigali als Weißer kaum beachtet, dafür gibt es dort einfach schon zu viele von uns. Es gibt so gut wie keine Straßenkinder, und wenn man mal in seltenen Fällen angebettelt wird, dann nur von gut gekleideten Kindern, die nicht sehr arm sein können. In dieser Hinsicht, war Kigali für uns wirklich ein Urlaub von den vielen kleinen Dingen die uns in Bujumbura zu schaffen machen. Aber wenn man dann erfährt, wie es dazu kam, dass Kigali zu so einer Vorzeigestadt wurde, lässt die grenzenlose Begeisterung auch schon gleich wieder nach. Um Kigali zu dem zu machen, was es ist, ist man mit LKW´s durch die Straßen gefahren und hat einfach alle Straßenkinder eingesammelt um sie irgendwo im Landesinneren auszusetzen. Scheinbar vor allem in Heime, was hoffentlich wahr ist. Angeblich hat man ganze Armenviertel niedergerissen und den Leuten davor zwei Tage gegeben um zu verschwinden. Wohin? Ins Landesinnere, das den ärmlichen Zuständen Burundis dann schon wieder ziemlich ähnelt.
Unser Seminar fand in einem Kinderheim, mitten in der Pampa statt. Ohne fließend Wasser (bin ich ja mittlerweile gewöhnt) und ohne Elektrizität. Erst dachte ich mir, ob das denn wirklich sein muss, wo man doch auch in Kigali, in dem Gästehaus mit Warmwasser!!! hätte bleiben können. Aber das Kinderheim war auf jeden Fall die bessere Wahl. Durch geniale Konstruktionen wurde dort das Wasser einfach fließend gemacht, war tagsüber, mithilfe der Sonnenenergie sogar warm. Und ohne Elektrizität zu leben, lernte ich dort wirklich zu schätzen. Es war wunderschön, um sechs Uhr wenn es dunkel wurde, die Öllampen und Kerzen anzuzünden und dann einfach schon um 9 Uhr ins Bett zu gehen. Jeden Abend hatten wir eine wunderschöne Atmosphäre die man mit Elektrizität einfach nicht hinbekommt. Am meisten beeindruckt, an diesem wunderschönen und gut laufenden Kinderheim hat mich jedoch der Heimleiter, ein Mann aus Guatemala, der schon seit Jahren in diesem Kinderheim lebt, abgeschottet von dem Rest der Welt. Er hat jahrelang studiert und verdient jetzt nicht einmal so viel wie ein weltwärts-Freiwilliger, nur 200 Dollar im Monat. Kranken- und Rentenversicherung kann er sich nicht leisten, sein Vater, ein mehrfacher Millionär, hat ihn komplett enterbt, weil er mit dieser Lebensart seines Sohnes nicht einverstanden war. Ich bin selten einem glücklicheren Menschen begegnet. Seine Weise zu Leben hat mich nicht nur zutiefst beeindruckt, ich könnte mir durchaus auch vorstellen selbst mit so einem simplen Leben glücklich zu werden. Aber Mama, keine Angst, zuerst komme ich zurück und studiere.
Nach dem Seminar, reisten Claire und ich dann noch eine Woche durch Ruanda, von Freiwilligem zu Freiwilligem. Im Gegensatz zu Burundi hat Ruanda davon nämlich mehr als genug. Wir verbrachten vor allem viel Zeit im Bus, was aber nicht tragisch war, da wir die meiste Zeit aus dem Fenster schauen und den Aublick auf den wunderschönen Kivu-See genießen konnten.
Natürlich konnten wir Ruanda nicht verlassen, ohne nicht zumindest eines von den Zahlreichen Völkermorddenkmälern zu besichtigen und natürlich suchten wir uns das allerschlimmste aus. Murambi. Dort wurde eine große Schule gebaut, zu deren Einweihung es allerdings nie kommen sollte. Der Völkermord begann und die Regierung brachte in dieser Schule 50 000 Tutsis unter. Zum Schutz, wie es zuerst schien, um sie hinzurichten, wie es sich dann herausstellte. Erst wurden alle Opfer in ein Massengrab geschmissen um danach wieder 1000 auszugraben, zu mumifizieren und auszustellen. Genau diese Leichen, kann man jetzt auf die verschiedenen Klassenräume verteilt, besichtigen. Erwachsene, Kinder, Babys, alle in den Haltungen in denen sie niedergemetzelt wurden. Schützende Hände vor dem Gesicht, den Kiefer zum letzten hilflosen Schrei aufgerissen. Schädel zertrümmert, Köpfe abgetrennt. Und auch wenn das alles schon einige Zeit her ist, der Verwesesungsgestank bleibt und lässt die Besichtigung nicht nur auf das Gemüt sondern auch auf den Magen schlagen. Von den 50 000 haben 7 überlebt. In einem Raum sind die Kleider der Opfer in Regale gestopft. Warum stellt man Kleider aus?, fragte sich so mancher, doch genau diese Kleidung ist es, die einem erst bewusst macht, dass diese absurden Leichen Menschen waren. Die Kleidung gibt ihnen Gesichter. Viele der Kleidungsstücke sind offensichtlich aus Europa, Amerika, Kleiderspenden eben, wie man sie hier so oft sieht. Ob sich die Menschen, die diese Kleider vor Jahren gespendet haben, wohl je gefragt haben, was mit ihrer Kleidung, vor allem mit den Menschen die sie tragen, passieren wird? Wohl kaum. Aber solche Gedanken gingen mir durch den Kopf, als ich fassungslos an den Regalen vorbei schlich. Was habe ich wohl damals zu dem Zeitpunkt gemacht, als diese Menschen abgeschlachtet wurden? Gedanken die nirgendwo hinführen, sich aber dennoch nicht vermeiden lassen.
Informationen findet man bei diesem Denkmal kaum. Eine Frau, die damals ihre gesamte Familie bei diesem Massaker verloren hat, ist jeden einzelnen Tag der seit dem vergangen ist zur Stelle, führt die Menschen herum. Ihre Familie ist bei Gott, sagt sie und als wir darauf hin unsere Tränen nicht mehr zurückhalten können, ist es sie, die uns in den Arm nimmt und tröstet. Eine absurde Situation.
Zeitgleich mit uns, besichtigt eine andere Gruppe Jugendlicher das Denkmal. Über das ganze Gelände verteilt, sah man verstörte Menschen, die weinen, die nachdenken, manche sind zusammengebrochen. Aber am unheimlichsten ist die Stille die sich über den ganzen Ort legt. Vielleicht ist es gar nicht so falsch, dass es keine Informationstafeln gibt. Es gibt Dinge, die sich nicht in Worten ausdrücken lassen. Manchmal gibt es einfach nichts zu sagen.
Wir wissen nicht wirklich, wie wir mit dem, was wir zu sehen bekamen, umgehen sollen. Doch wie machen es die Ruander? Das ist schwierig einzuschätzen, einerseits gibt es zahlreiche Denkmäler, die an das was geschehen ist, erinnern sollen, andererseits ist es von der Regierung aus verboten, dass Wort Hutu und Tutsi auch nur überhaupt auszusprechen. Doch wie ist es möglich, die Vergangenheit auch nur stückweise zu bewältigen, wenn man die dazu wichtigsten Wörter nicht in den Mund nehmen darf? Stattdessen konzentriert sich Ruanda auf andere Dinge. In einem Land, in dem vor ein paar Jahren noch ein unvorstellbares Chaos herrschte, sind jetzt aus Gründen des Umweltschutzes Plastiktüten verboten. Dieses Verbot, wird sehr ernst genommen, an den Grenzen wird jede einzelne Tasche durchsucht. Auch barfuss laufen hat die Regierung verboten. Ein komisches Verbot, wenn man bedenkt, dass sich in einem Land wie Ruanda nicht jeder Schuhe leisten kann. Es scheint, als versuchten sie sich einfach irgendwelche Gesetzte und Verbote aus der Nase zu ziehen, um sich abzulenken, um sich an einem System der strengsten Ordnung festhalten zu können.
Gleichzeitig ist man weiterhin damit beschäftigt, die Täter des Völkermordes zu verurteilen. Da das vorhandene Gericht in Ruanda dafür mehr als 200 Jahr benötigen würde, hat jetzt jedes Dorf sein eigenes Gericht, dass aus der Bevölkerung besteht. Einmal pro Woche ist Gerichtstag, alle Läden sind geschlossen, keiner arbeitet. Das Dorfsgericht fällt Urteile, wie verlässlich diese sind, steht in den Sternen. Sind die Völkermörder erst ein mal im Gefängnis, bekommen sie einen orange- oder rosafarbenen Anzug, anhand dessen man erkennen kann, wie schwerwiegend ihre Tat war. Diese inhaftierten Völkermörder, kann man dann für wenig Geld aus dem Gefängnis ausleihen und für Arbeiten aller Art einsetzten. Es gibt tatsächlich Freiwillige, die von einem inhaftierten Professor Sprach Unterricht bekamen. Es ist ein komisches Gefühl, diese Menschen zu sehen und es gelingt mir nicht, mir dabei nicht jedes Mal vorzustellen, was sie wohl getan haben. Denn so schrecklich es auch war, die Opfer zu sehen, sind es doch die Täter, die mich am meisten schockieren.