Archiv nach Kategorie "Uncategorized"

Eine endlose Zeit geht zu Ende…

Veröffentlicht in Uncategorized am August 10, 2009 von johannaseitz

Ein Jahr? Ein ganzes Jahr? Wie soll ich das nur aushalten, dachte ich am Anfang. Was nur noch ein paar Tage? Wie ging das nur so schnell vorbei, denke ich jetzt. Die Zeit die am Anfang nicht vergehen wollte, verging dann plötzlich umso schneller. Und trotzdem erscheint es insgesamt als eine sehr lange Zeit. Wir haben so viel erlebt und uns alle vier so sehr verändert. Wenn wir jetzt an die erste Zeit zurück denken, schütteln wir lachend die Köpfe, wie alte Menschen die an ihre Kindheit zurück denken. Was waren wir doch naiv und dumm. Was ging damals eigentlich in unseren Köpfen vor? Wir wissen es nicht mehr. Wir wollen es überhaupt nicht mehr wissen.

Die Zeit in Deutschland scheint ewig her, der Mensch den ich damals war gibt es nicht mehr. Zum Glück, sage ich. Er wird mir nicht fehlen. Denn auch wenn es nach Außen vielleicht nicht so schien, mir ging es nicht gut. In meiner letzten Zeit in Deutschland hatte ich meine Lebensfreude fast vollständig verloren und ich hatte Angst vor allem. Vor allem vor Burundi. Und doch wusste ich, dass Burundi der richtige Weg ist. Mein Weg. Der Schritt ins Flugzeug kostete mich riesige Überwindung doch ich bin unendlich froh in gewagt zu haben. Ob der Mensch der ich jetzt bin, noch nach Deutschland passt? Das wird sich zeigen.

Viele sagen nach einem Jahr im Ausland, es sei die beste Zeit ihres Lebens gewesen. Vielleicht war es die beste Zeit meines Lebens, ja, aber mit Sicherheit war es auch die schwierigste. Vor allem der Anfang war für mich schwer, das Heimweh ließ für mich jeden Tag zum Horror werden. Und auch später kamen immer wieder Phasen, in denen ich kurz davor war, das Handtuch zu schmeißen, einfach zu gehen. Und heute bin ich unglaublich stolz darauf, es nicht getan zu haben. Ich wollte die Herausforderung und die habe ich hier reichlich gefunden. Oft genug kam ich an meine Grenzen, dachte ich kann nicht mehr, und doch ging es irgendwie, nicht weil die Herausforderungen kleiner wurden, sondern weil man jedes Mal an ihnen wuchs. Dinge, die uns anfangs noch schlaflose Nächte bereiteten, können wir jetzt mit einem Schulterzucken abtun. „Macht doch nix“ wurde zu unserem Lebens- oder auch Überlebensmotto. Ob ich meine Ideale noch habe? Ich habe jetzt einfach andere. Ob ich nach dem Jahr sagen kann, ich habe Burundi geholfen? Nein, ich habe nicht Burundi geholfen sondern Menschen. Und auch mir. Ich bin gekommen um zu geben und nehme jetzt noch viel mehr wieder mit. Ich habe gelernt, dass man nicht die ganze Welt verändern kann, sondern nur sich selbst. Und wenn man sich selbst geändert hat, dann hat man auch einen kleinen Teil der Welt geändert. Seinen Teil.

wie verhext…

Veröffentlicht in Uncategorized am August 7, 2009 von johannaseitz

Hier kommt die Fortsetzung zu der Geschichte von Malenga.

Die Ärzte sind also ratlos, sein Zustand ist unverändert. Er wird in ein anderes Krankenhaus in der nächst größeren Stadt verlegt, aber auch die wissen nicht was sie tun sollen. Ich erhalte einen Anruf von einer Frau, die sich als Krankenschwester ausgibt und sagt Malenga ginge es sehr schlecht, und außerdem habe er kein Geld mehr um die Behandlung zu bezahlen. Ich frage ob ich mit ihm sprechen könne. Nein, es ginge ihm sehr schlecht, er spricht nicht mehr. Er spricht nicht mehr? Das verschlägt auch mir die Sprache. Verzweifelt überlege ich, wie ich für die weitere Behandlung bezahlen kann, das Krankenhaus liegt ja im Landesinneren und ich bin in der Hauptstadt, reiseunfähig, weil ich ja selbst auch noch krank bin. Ich verspreche der Krankenschwester trotzdem, dass ich ihr das Geld irgendwie zukommen lassen werde, sie sollen aber ja nicht aufhören, Malenga zu helfen. Nachdem mir keine andere Lösung einfällt, schicke ich das Geld als Handyguthaben an die Nummer des Krankenhauses. Sie akzeptieren diese Art der Bezahlung zu meiner Überraschung sogar.

Damit wäre das geklärt, und in meinem Kopf ist Platz für die eigentlich viel größere Sorge: Warum redet er nicht mehr? Hat er das Bewusstsein verloren? Hilflos wie ich bin, kommt mir dann die rettende Idee, dass Claire, meine Mitfreiwillige, gerade in Ngozi, wo Malenga im Krankenhaus liegt, zu Besuch ist. Ich rufe sie an und bitte sie, dort mal nachzuschauen, wie schlecht es wirklich um ihn steht. Sie macht sich sofort auf den Weg.

Dann erhalte ich wieder einen Anruf aus dem Krankenhaus, dieses Mal scheint ein Arzt am Apparat zu sein, ich sage ihm Malenga muss nach Bujumbura in ein Krankenhaus kommen, hier könnten sie ihm helfen. Nein, widerspricht er. In einem Krankenhaus und mit Medikamenten könne man ihm nicht helfen. Malenga sei verhext. Ich frage so oft fassungslos „Bitte was?“ dass mich der Arzt fragt ob ich überhaupt französisch spreche. Ja ich spreche französisch, aber für so etwas fehlt mir trotzdem das Verständnis. Danach weiß ich nicht ob ich lachen oder weinen soll. Ich lache. Die Situation ist einfach zu abgefahren.

Claire kommt im Krankenhaus an, doch keine Spur von Malenga. Das Krankenhauspersonal weiß nichts von ihm. Wir rufen die Krankenschwester noch einmal an, die sagt, sie sei mit Malenga zu einem Hexer gegangen. 100 000 Fbu will sie. Dieser Preis ist lächerlich hoch, doch sie weiß natürlich von unserer Hautfarbe und da ich ihr bereits Geld geschickt hatte, hat sie jetzt wohl Blut geleckt. Sie verarscht uns, und Claire und ich spinnen uns die schrecklichsten Geschichten aus. Vielleicht ist Malenga längst tot und sie versucht jetzt im Nachhinein noch ein Mal voll abzusahnen. Doch daran wollen wir nicht denken. Natürlich zahlen wir nicht, so weit kommt’s ja noch, dass wir Geld für einen Hexer zahlen.

Verzweifelt rufe ich Moses, Malenga’s Cousin mit dem ich mich immer gut verstanden habe an. Unser Gespräch endet in einem Streit, er legt einfach auf. Weil ich darauf bestanden habe, dass es so etwas wie verhexen nicht gibt. Dann schreibt mir die Krankenschwester noch eine SMS, sie hätte sich in Malenga verliebt, wegen seines schönen Gesichts, und deshalb wolle sie, dass er wieder gesund wird. An diesem Tag kann mich nichts mehr schocken. Es ist, als wäre ich im falschen Film.

Am nächsten Tag klingelt das Telefon und es ist tatsächlich Malenga. Der Hexer hat ihm seine Stimme zurückgegeben. Ich flehe ihn an, sofort nach Bujumbura ins Krankenhaus zu kommen. Er weiß nicht wie. Er ist sehr schwach. Gestern sei er mit der Krankenschwester zwei Stunden über einen Berg zu dem Hexer gelaufen. Zwischendurch musste er immer wieder getragen werden, weil er das Bewusstsein verlor. Er weiß nicht einmal wo er ist, geschweige denn wie er hier wegkommen soll. Die Krankenschwester weicht nicht von seiner Seite, sie will ihn nicht gehen lassen, sie liebt ihn. Und der Hexer will ihn auch nicht gehen lassen, nicht weil er ihn liebt, sondern weil er auf seine Bezahlung wartet. Malenga hat kein Geld. Also bleibt er bei dem Hexer. Im Hintergrund höre ich traditionelle Musik und Getrommel. Ob sie wohl gerade ums Feuer tanzen? Ich hätte mir das ganze ja zu gerne persönlich angesehen und dem Hexer und der Krankenschwester dann persönlich meine Meinung gesagt.

Am Abend beginnt dann zum Glück Malenga’s Tante sich plötzlich für ihn zu interessieren. Sie fährt zu ihm hin und nimmt ihn am nächsten Tag mit. Ich bin erleichtert, dass er jetzt zumindest von diesen komischen Leuten weg ist. Er solle doch jetzt endlich nach Bujumbura kommen und sich von einem richtigen Arzt untersuchen lassen. Doch seine Tante verbietet es ihm. Warum auch immer. Sein Onkel, ein äußerst unsympathischer Mensch, redet nicht mehr mit Malenga. Er hat ein Problem damit, dass Malenga mit mir befreundet ist, weil er mich liebt. Hätte er nicht schon eine Frau, würde er mich sofort heiraten. Ähh, Hilfe. Ich glaube es wird wirklich Zeit, dass ich nach Deutschland gehe.
Malenga muss deswegen jetzt wahrscheinlich dort ausziehen. Was soll’s, Hauptsache es geht im wieder besser. Ein Hoch auf das Hokuspokus. Ich habe Moses prophezeit, dass der Hexer Malenga umbringen wird, doch er hat ihn scheinbar geheilt und Moses hat Recht behalten. Vielleicht sollte ich meine Überzeugungen doch noch ein Mal überdenken.

Ich bin übrigens wieder gesund. Ganz ohne Hexer.

vergiftet

Veröffentlicht in Uncategorized am August 3, 2009 von johannaseitz

Malenga. Ein Freund von mir, den ich in Muyinga, im Landesinneren kennen gelernt habe. In Bujumbura sind unsere Freunde reich. Malenga ist arm. Er ist Halbweise. Seine Mutter ist schon lange tot. Sein Vater lebt im Kongo. Malenga hat ihn erst mit 14 kennen gelernt. Er hat eine neue Frau, neue Kinder. Malenga ist dort nicht erwünscht. Also lebt er, nach dem er lange auf der Flucht war, in Muyinga bei seiner Tante und seinem Onkel. Auch dort ist er nicht erwünscht, aber zumindest akzeptiert. Im Kongo, wo Malenga auch geboren wurde, hatte er bereits die 8. Klasse erfolgreich abgeschlossen. Aber da er damals fliehen musste, fehlen ihm seine Zeugnisse. Und deshalb darf er in Burundi nicht mit der 9. Klasse weiter machen sondern wurde zurück in die 6. Klasse geschickt.

 

Malenga& ich

Malenga& ich

Das tut mir Leid, denn er ist intelligent, spricht sehr gut französisch und ist in der 6.Klasse natürlich völlig unterfordert. Er könnte in den Kongo gehen um seine Zeugnisse zu holen. Aber dazu fehlt ihm das Geld. Sein gut verdienender Onkel gibt ihm keines. Und da fangen die Probleme an und ich verstehe plötzlich nur zu gut warum unsere Freunde in Bujumbura wohlhabend sind. Freunden will man helfen. Aber ist das Freundschaft, wenn immer nur der eine gibt, beziehungsweise geben kann? Ja, es ist Freundschaft und ich gebe ihm das Geld, weil ich will, dass er die Schule fertig machen kann. Die oft einzige Chance in Burundi der Armut zu entkommen.

Er ist überglücklich und zieht also los in den Kongo. Er will so schnell wie möglich zurückkommen, denn ganz geheuer ist ihm der Kongo auch nicht. „Pass auf dich auf“ rufe ich ihm noch hinterher und weg ist er. Die ersten zwei Tage ruft er noch öfter an, sagt er werde am Freitag zurückkommen. Doch er kommt nicht. Und er ruft nicht mehr an. Und ich, ich bekomme es mit der Angst zu tun. Erinnere mich an seine Worte, die ich zu dem Zeitpunkt noch nicht ernst nahm: „Ich komme so schnell wie möglich zurück, meine Familie dort könnte mich vergiften.“

Ein Horror der Ungewissheit bricht über mich herein. Ständig wähle ich seine Nummer doch ich kann ihn nicht erreichen. Eigentlich weiß ich nicht mal wo er ist, geschweige denn bei wem. Ich bin hilflos. Ich kann nur warten und versuchen, dabei nicht zu verzweifeln. Seine Tante aus Muyinga ruft mich an und fragt mich, wo Malenga sei. „Ich weiß es nicht“ antworte ich und beginne doch zu verzweifeln. Die Tage vergehen und ich beginne mit dem Schlimmsten zu rechnen. Verzweifelt rufe ich Malenga´s Cousin an. Der kann mir auch nicht helfen, sagt mir nur, ich müsse warten. Vielleicht komme er zurück. Damit ist mir nicht geholfen. Was soll denn das verdammte „vielleicht“ heißen? Das er vielleicht auch nicht mehr zurück kommt?

Doch er kommt zurück. Nach einer schrecklichen Woche des Wartens. Alle Ängste und sorgen weichen von mir und ich falle ihm einfach nur in die Arme. Gott sei dank, er lebt. Doch es geht ihm nicht gut. Vier Tage lang, lag er im Krankenhaus. Die neue Frau von seinem Vater habe ihn wahrscheinlich vergiftet. Als er dann halb tot und ohne Geld im Krankenhaus lag, ist sein Vater verreist, ohne ihm einen Pfennig da zu lassen. „Jetzt bin ich Vollwaise“ erzählt er mir mit traurigen Augen. „Mein Vater ist für mich gestorben.“

Ein Bekannter hat die Krankenhauskosten übernommen. Über 100 Dollar. Vier Tage musste er bleiben, hat sein Bett nicht verlassen können und Blut erbrochen und gespuckt. Danach musste er sein Handy verkaufen um zurück nach Burundi kommen zu können. Aber er musste ja um jeden Preis zurückkommen. Sonst könnte seine Familie und seine Freunde denken ich hätte ihn umgebracht, weil er ja mit mir zusammen in Muyinga aufgebrochen ist. „Ach du liebe Güte“ denke ich nur. Von seinen Zeugnissen hat er nur eine Fälschung. An seiner alten Schule gibt es jetzt einen neuen Direktor, der die Papiere nur für 10 Dollar herausgeben wollte. Das Geld hatte Malenga nicht.

Aber das ist mir im Moment alles so gleichgültig. Hauptsache er ist da. Und das am lebendigen Leib. Am nächsten Tag geht er zurück nach Muyinga. Am Abend bekomme ich einen Anruf, ja er sei gut angekommen, aber es gehe ihm wieder sehr schlecht. Er hat wieder begonnen Blut zu erbrechen. Morgen würde er ins Krankenhaus gehen.

Am nächsten Tag erfahre ich, dass es ihm so schlecht ging, dass er bereits nachts um vier ins Krankenhaus eingeliefert werden musste. Er erbricht weiterhin Blut, die Ärzte sind ratlos. Der Horror beginnt von neuem. Ich weiß, es ist nicht meine Schuld, ich habe das Desaster nicht ahnen können, aber trotzdem bin ich in dem ganzen verwickelt. Würde es mich nicht geben, hätte ich nicht gemeint ihm irgendwie helfen zu müssen, wäre er jetzt gesund. Vielleicht würde er die Schule abbrechen, aber er wäre gesund.

Sein Cousin, der es wie immer versteht mich bestens zu beruhigen, sagt am Telefon zu mir: „Johanna, es geht ihm sehr schlecht, kannst du nicht kommen?“ Was soll denn das jetzt bitte wieder andeuten? Das er vielleicht sterben wird??? Aber Malenga selbst macht es mir auch nicht leicht. Er sagt es geht ihm sehr schlecht und es er sei zwar wegen mir in den Kongo gegangen, aber falls er sterben wird, ist das nicht mein Fehler, er sei mir trotz allem unendlich dankbar dafür, was ich für ihn getan habe. Ich bin mit den Nerven am Ende.

Und doch bringen auch solche Erfahrungen einen dazu, dass Land Burundi besser zu verstehen, vor allem die Leute. Wenn ich an die Frau denke, die ihm das (ohne jeden Grund) angetan hat bekomme ich Mordsgelüste. Ich denke an Rache, doch verwerfe den Gedanken schnell. Ich beginne zu verstehen, wie Kriege entstehen können. Es beginnt im Kleinen und irgendwann will sich jeder an jedem rächen. Ich beginne auch den starren Glauben, den ich in dem Eintrag zu vor noch kritisiert habe, zu verstehen. Hilflos wie ich bin, bleibt einem nur Gott (wobei für mich persönlich Gott und Kirche nicht das Gleiche sind).

Ich habe den Schaden, wenn auch indirekt, angerichtet, aber kann nichts, aber auch wirklich nichts tun um ihn wieder zu beheben. Nicht einmal vorbei kommen kann ich. Denn auch ich scheine das Pech anzuziehen und wurde jetzt zwei Wochen vor meiner Abreise noch mit einer Malaria niedergestreckt. An mein Bett gekettet liege ich also da, verzweifle und bete.

Ich erinnere mich an die Zeiten, in denen ich tierische Angst vor Malaria hatte. Heute sehe ich ein, es ist lächerlich harmlos. Mir geht es längst wieder besser. Malenga nicht. Ich bete weiter.

Burundi bringt mich an meine Grenzen. Bis zum letzten Augenblick.

Die Pfingstkirche

Veröffentlicht in Uncategorized am Juni 29, 2009 von johannaseitz

Hier in Burundi gibt es nicht wie bei uns, zwei große Abspaltungen, die Katholiken und die Protestanten, hier gibt es die Katholiken und viele verschiedene Protestanten. Die Anglikaner, die Adventisten, die Pfingstkirchler, die Eglise vivante und wahrscheinlich vieles mehr, ich habe keine Ahnung. Sprich, die große Mehrheit hier ist Mitglied in den Kirchen, die bei uns schon als verrückte Sekten durchgehen würden. Die Katholiken, die ja bei uns eher die Strengeren sind, sind hier noch bei weitem die Liberalsten und auch Normalsten. Ich kenne mich in den ganzen verschiedenen Kirchen der Protestanten nicht so genau aus, aber in Muyinga scheint es von Pfingstkirchlern nur so zu wimmeln. Ich gerate ganz gerne in Diskussionen über Gott, aber die Pentecotisten machen mir so langsam wirklich Angst. Bei ihnen wird man in einem Schwimmbad getauft, was zwar bizarr aber eigentlich noch ganz lustig ist. Unlustig wird dann spätestens der Gottesdienst, der ganz und gar nicht typisch afrikanisch ist. In manchen Kirchen ist nämlich das Tanzen verboten, sprich man singt ganz stur und trocken ohne sich zu bewegen. Es herrscht fast so traurige Stimmung wie in Deutschland meistens. Nur der Priester bringt auf schreckliche Art und Weise Pepp rein, in dem er nicht normal predigt sondern aus voller Kehle herumschreit. Man könnte meinen, er selbst sei vom Teufel besessen. Nach jedem zweiten Satz schreit er „Halleluja“ und die Gemeinde schreit „Amen“ zurück. Das kann richtig aggressiv wirken. Es gibt allerdings auch die Pfingstkirchen in denen man tanzt und wie es da abgeht ist wirklich beeindruckend. Manchmal werden die Lieder mit ähnlichem Beat wie von Technomusik unterlegt und dann geht die Party ab. Und die Gesichter von den Menschen strahlen bis über beide Ohren, manchmal wirken sie fast wie auf Drogen, oder in Trance. Nein im Ernst, ich will nicht alles schlecht machen, so ein Gottesdienst ist wirklich etwas tolles, würde er nicht fast 4 Stunden dauern. Hier in Muyinga war ich ein Mal dabei, ganz nach dem Prinzip ein Mal nie wieder. Natürlich freuten sich alle über die Weiße in ihren Reihen, der Priester wollte nett sein, und rief mir zu „Muzungu, stand up!!“ was ich dann allerdings nicht so höflich fand. Dann musste ich also aufstehen und auf mich wurden zahlreiche Hallelujas geschrieen. War mir ein kleines bisschen unangenehm.

Eine Grundregel die gilt ist, diskutiere niemals mit einem Pentecotisten, du kannst nur verlieren. Trotzdem stürzte ich mich immer wieder aufs Neue in genau solche halsbrecherischen Diskussionen. Es ist wie eine Sucht und aus jeder Diskussion komme ich ein bisschen schwächer, wütender und noch verständnisloser heraus. Man könnte meinen in so einer Kirche findet man Freaks vor, aber dem ist nicht so. Das sind durchaus intelligente und gebildete Menschen. Du kannst mit ihnen über alles mögliche diskutieren, kannst ihnen Fragen stellen und logische Antworten bekommen, aber sobald es um die Religion geht, stellen sie sich dumm wie Schafe, die wie blind ihrem Hirten folgen.

Ihrer Meinung nach, kommen Massenmörder die an Jesus Christus glauben und ihn um Vergebung beten, in den Himmel. Gute Menschen die nicht an Jesus Christus glauben in die Hölle. Ich weiß nicht, das entspricht sogar vielleicht noch dem allgemeinen christlichen Glauben. Wenn ich sie dann frage ob sie nicht finden, dass ihr Gott ungerecht ist, schauen sie mich an, als hätte ich ihnen gerade eine heruntergehauen. „Gott ungerecht? Niemals.“ Aber mehr können sie dazu auch nicht sagen. Wenn man fragt, wie es denn für jemanden, der weit weg von jeglicher Zivilisation in einem einsamen Wald lebt, eine Sünde sein kann nicht an Jesus zu glauben, wenn er doch nie von ihm erfahren konnte, dann ist das die Schuld der Vorfahren und zuletzt ist die Schuld dann immer auf Adam zurückzuführen. Das andere für
Adam´s Sünden bezahlen müssen, wäre ungerecht, wenn nicht schon der Grundsatz gelten würde, dass Gott niemals ungerecht ist. Das mit Adam und Eva nehmen sie natürlich wörtlich, wir alle stammen von ihnen ab, niemals von einem Affen. Und außerdem wurde die Welt in sieben Tagen erschaffen. Wenn ich mit wissenschaftlichen Beweisen widerspreche interessiert das wenig, denn so steht es doch in der Bibel, wie kann man daran zweifeln? Wenn ich sage, dass bei uns das nicht mal die Priester glauben, sind sie dann doch erstaunt. Macht nichts, eines Tages werden die Afrikaner als Missionare zu uns kommen und uns an das erinnern, was wir ihnen einst beigebracht haben.

Taufe. In Bujumbura in Schwimmbaedern, auf dem Land in einem dreckigem Bach.

Taufe. In Bujumbura in Schwimmbaedern, auf dem Land in einem dreckigem Bach.

Alkohol trinken ist verboten. Frauen tragen nur bodenweite Röcke. Tanzen ist verboten, auf jeden Fall auf Musik die nicht für Gott ist und in Discotheken. Das mit dem Alkohol ist ja noch in Ordnung von mir aus. Aber das Tanzverbot kann ich als leidenschaftliche Tänzerin überhaupt nicht akzeptieren. Wieso ist Tanzen eine Sünde??? „Wir amüsieren uns nicht im Leben, aber dafür nach dem Tod.“ Na dann viel Spaß.

Diese Gesetzte gehen bei diesen Menschen über alles, vor allem über die Vernunft. Da gibt es den, der mir ernsthaft erzählt, er überlegt sich, sich von seiner Freundin, die er über alles liebt, zu trenne, weil sie nicht der Pfingstkirche angehört, und das auch nicht will. Da gibt es den anderen, der die Schule früh abgebrochen hatte und trotzdem einen superbezahlten Job als Bedienung in einem der besten Restaurants in Bujumbura bekommen hat. Er hat gekündigt, weil er es nicht verantworten kann, Leuten Bier zu servieren. Jetzt hat er einen schlecht bezahlten Job an einer Tankstelle, aber ist stolz auf sich, weil er im Reinen mit Gott ist.

Halleluja!!!

Halleluja!!!

Am meisten zum kochen bringt mich diese herablassende Art mit der ich bei solchen Gesprächen behandelt werde. Ich führe ihnen systematisch und mit logischen Argumenten vor, warum ich glaube, dass das was sie glauben Quatsch ist. Ich bin mittlerweile spezialisiert darauf, ihnen Fragen zu stellen, auf die sie überhaupt nicht mehr schlüssig antworten können. Aber ein Pentecotist hat immer eine Antwort parat, und weiß er nicht mehr weiter, bleibt immer noch der Satz „Das steht in der Bibel.“ Oder „Das hat man uns in der Kirche so gesagt.“ Und dann immer dieses allwissende Lächeln, fast schon die Schadenfreude, dass sie später im Himmel landen werden und ich nicht. „Du wirst schon sehen, wer Recht hat.“ Manchmal auch ein mitleidiger Blick „Ach, dir ist es noch nicht gelungen Jesus Botschaft zu verstehen.“ Aber oft meinen sie es auch gut, es gibt jetzt schon einige die nun regelmäßig für mich beten, dass ich doch meinen Weg zu Jesus finden möge. Zuerst werde ich jedoch ein Mal die andere Richtung einschlagen. Sobald ich zurück in Deutschland bin, werde ich aus der Kirche austreten. Halleluja.

(Bevor das jetzt wieder jemand in den falschen Hals bekommen könnte: Ich akzeptiere und respektiere alle Religionen. Ich habe hier nur meine individuelle Wahrnehmung von dem was ich zu sehen und hören bekomme und mein Unverständnis dessen, wiedergegeben. Ich möchte damit die Pfingstkirche nicht angreifen, bin für Religionsfreiheit, aber eben auch für Meinungsfreiheit.)

Wieder im Landesinneren

Veröffentlicht in Uncategorized am Juni 19, 2009 von johannaseitz

Bis jetzt habe ich ja nur Positives vom Landesinneren berichtet und mir gefällt es auch weiterhin gut, aber natürlich gibt es auch hier Dinge die mir Probleme bereiten. Daran kein fließend Wasser zu haben, habe ich mich ja bereits gewöhnt aber mit der Trockenzeit wird hier noch eins oben draufgesetzt: Jetzt gibt es oft überhaupt kein Wasser mehr, oder nur morgens. Wenn man ansonsten noch Wasser will, muss das weit weg mit Kanistern geholt werden, was natürlich nur in bescheidenen Mengen möglich ist. Aber wie mit allem, steigt der Wert des Wassers umso weniger es wird. Es ist erstaunlich wie man sich über Wasser freuen kann, wie wenig Wasser ausreicht um sich zu waschen und dass man sich selbst wenn das Wasser dreckig ist, danach sauberer fühlt. Nur meine Haarwaschaktionen sind eine extreme Wasserverschwendung, weswegen ich diese schon so weit wie möglich reduziert habe. Kurzhaarfrisuren haben ganz klar ihre Vorteile, aber in dem Punkt lass ich nicht mit mir reden.

Ein anderer Punkt ist das einseitige Essen unter dem ich so langsam zu leiden beginne. Dabei strengt sich der Koch hier echt an, zumindest ein wenig Abwechslung rein zu bringen. Aber die Hauptnahrungsmittel sind und bleiben eben Reis und Bohnen, und das oft zweimal am Tag. Ich schäme mich allerdings ein bisschen dafür, dass ich mich darüber zumindest im Stillen schon beschwere, wenn ich an die Kinder denke, die Tag ein, Tag aus ihren Maisbrei mit Bohnen Essen. Für sie ist Reis schon ein Fest und für mich immer mehr der Untergang. Ausgerechnet musste ich natürlich auch noch einen Roman lesen, der in Italien spielte, und immer sehr ausführlich das Essen dort beschrieb. Das war nicht gerade hilfreich, ich bin fast die Wände hochgegangen. ;-)

Letztes Wochenende habe ich dann Urlaub in Bujumbura gemacht. Wellness-, Party- und Schlemmerurlaub kann man fast sagen. Ich habe die ganze Zeit nichts anderes gemacht als mich mit Leckereien voll gestopft, Bohnen und Reis strengstens vermieden, vor Freude singend und tanzend unter der Dusche gestanden und Bujumburas einmaliges Nachtleben genossen. Somit sehe ich diese ganze Erfahrung doch als etwas sehr Positives an, manchmal braucht es genau so etwas, damit man die kleinen, eigentlich riesig großen Freuden im Alltag wieder zu schätzen lernt.

Ein anderer Punkt, bei dem es mich selbst überrascht hat, dass er mir nach so langer Zeit noch etwas anhaben kann, hängt wie immer mit meiner Hautfarbe zusammen, mit der ich hier so gut wie alleine bin. Ich bin der Star des Dorfes, jeder kennt mich, jeder weiß alles über mich, was es da zu wissen gibt. Wenn ich durch die Straßen laufe, spricht mich unübertrieben jeder Zweite an, meistens ist es ein nettes Begrüßen, aber es kann auch auf die Nerven gehen, ein ganzes Dorf begrüßen zu müssen. Und wenn ich vorbeigehe drehen sich die Gespräche ausschließlich um mich, ich verstehe nicht viel, aber dann erzählen sie immer von mir, als würden sie mich alle kennen. Sie arbeitet für die Fondation Stamm, sie ist Deutsche, sie heißt Johanna….nur dass ich eben keinen einzigen von ihnen kenne.

Gestern war ich auf einem Fußballspiel von zwei Schulklassen. Ein Freund von mir, natürlich Schwarzer, kaufte Erdnüsse und verteilte davon ein paar Päckchen an die Kinder. Ich dachte, dass könnte ich doch auch tun, kaufte auch ein paar, machte eigentlich exakt das Gleiche wie er, aber sofort waren alle Augen auf mich gerichtet. Ich hätte mir echt denken können, dass ich einen großen Fehler begangen hatte, aber es war schon zu spät. Ich begann die Erdnüsse zu verteilen, aber eben nur an die Kinder aus unserem Heim, ich kann ja nicht ein ganzes hungriges Dorf durchfüttern. In Null komma nix war ich jedoch genau von diesem hungrigen Dorf umringt. Ich versuchte zu fliehen, doch die Masse folgte mir, egal wie schnell und wohin ich lief. Zum Glück kamen mir die Kinder aus unserem Heim zur Hilfe und zwar mit einem Stock, mit dem sie versuchten, die Menge auf Abstand zu halten. Der Kreis um mich wurde dann zwar weiter, aber er löste sich nicht auf. Es war zwecklos. Uns blieb nichts anderes übrig, als nach Hause zu gehen. Und selbst da mussten wir die Kinder mit Stöcken vertreiben, damit sie uns nicht bis vor die Haustüre folgten.

Auf dem Markt, wollen die Marktfrauen, wenn sie schon das Glück haben, dass die einzige Weiße weit und breit bei ihnen etwas kaufen will, nicht mit dem richtigen Preis herausrücken, selbst wenn ich ihn genau kenne. Ich wollte nur ein paar Früchte kaufen, um ein bisschen Abwechslung zum Reis und zu den Bohnen zu bekommen, ich hörte wie die Frau auf Kirundi von einer anderen 300 verlangte, für mich allerdings waren es 500. Sie ließ sich nicht erweichen. Schon völlig angenervt stand ich also da, als auch noch ein Verrückter vorbei kam, und mich begrüßte. Freundlich, wie ich ja dann als doch zu sein versuche, grüßte ich zurück und schwups, schon hatte ich seine Hand an meinem Hintern, worauf ich ihm ohne lange nachzudenken, eine scheuerte. Er nahm darauf einen großen Stein vom Boden, und drohte mir, mich damit zu attackieren. Ich war zwar völlig überrascht, setzte aber noch eines oben drauf in dem ich ihm auf Kirundi sagte „Ich bring dich um.“ weil mir in dem Moment einfach nichts anderes einfiel. Er war kurz davor, den Stein nach mir zu werfen, entsann sich dann aber doch noch einmal anders und begrüßte mich einfach noch ein Mal, immer noch mit Stein in der Hand. Ich machte mich so schnell wie möglich aus dem Staub, so ganz geheuer war mir die Situation dann doch nicht. Also ging ich heim, mit leeren Händen, die Früchte konnte ich mir bei den Preisen ja nicht leisten, dafür aber mit einem Bauch voller Wut.

Zwei Mal schon, begleitete ich unseren Landwirt schon zu Landwirtschaftsprojekten. Die befinden sich dann im Landesinneren vom Landesinneren, also noch mal mehr ab vom Schuss, falls das überhaupt noch möglich ist. Auf dem Motorrad sind wir losgezogen und es war wirklich amüsant, die Leute und ihre Reaktionen zu beobachten. Solange man schnell wieder weg ist, stört mich das auch gar nicht so. Dort haben die Leute oft einfach nur Laute des kompletten Erstaunens hervorgebracht, das Wort Muzungu hatten sie oft gar nicht parat. Manche Kinder sind vor Schreck ins Gebüsch gesprungen. Einmal musste der Landwirt in einem Dort etwas abgeben, wir hielten an, was mir sehr unangenehm war. Er ließ mich einfach neben dem Motorrad stehen, während gerade das ganze Dorf zum Stillstand gekommen war und mich geräuschlos anstarrte, während sich ganz langsam und vorsichtig ein paar Kinder näher trauten. Einmal musste er noch einen Lehrer begrüßen, worauf ein gesamter Schulhof angestürmt kam. Ich muss schon sagen, manchmal bekomme ich es in so Situationen schon ein wenig mit der Angst zu tun.
Chinesin werde ich ja oft genannt, aber dort hat man mich sogar Kongolesin genannt, so wenig wussten die mich einzuordnen. Am sprachlosesten machte mich jedoch der Mann, der bei meinem Anblick laut schrie: Al Quaida!!!

Burundische Namensgebung

Veröffentlicht in Uncategorized am Juni 19, 2009 von johannaseitz

Ein Punkt an dem mir besonders deutlich bewusst wurde, mit was für bedeutungslosen Problemen wir uns in Deutschland herumschlagen, war als ich in Ruanda im Radio Deutsche Welle hörte, einen Sender den man dort tatsächlich empfängt. Dort haben gebildete Menschen, Richter und Rechtsanwälte und wer sonst noch, darüber fachgesimpelt ob Doppelnamen jetzt erlaubt seien sollten oder nicht. Ich konnte darüber nur meinen Kopf schütteln. „Themen die die Welt beschäftigen“ dachte ich verständnislos.

Ich mit Jesus hoechstpersoenlich

Ich mit Jesus hoechstpersoenlich

Hier in Burundi hat man andere Probleme, Gesetzte zur Namensgebung existieren nicht, wofür ich sehr dankbar bin, da mich das schon mit so einigen Lachern beschert hat. Hier haben die Leute gewöhnlich einen Namen auf Kirundi und einen auf Französisch. Auf Kirundi ist in fast jedem Namen Gott erhalten, wie zum Beispiel, ich danke Gott, ich bete zu Gott und Gott liebt dich, oder so. Ein Kind hier heißt Safari Urugendo, übersetzt Reise Reise einmal auf Suaheli und einmal auf Kirundi. Auf Französisch sind dann typische Namen, jetzt schon von mir übersetzt, Hoffnung, Willkommen, Pazifik, Israel, von Gott gegeben, Jean von Gott, Jean der Liebe, Gott sei Dank, Januar, Liebenswert, Geliebt. Besonders gut gefällt mir auch der Name Jesus-Maria, oder Gutes Abenteuer, den natürlich ausgerechnet ein Moto-Taxi Fahrer trägt. Besonders moderne Eltern nennen ihr Kind dann schon auch mal Every Day. Meine persönlichen Highlights sind jedoch der Name Primitive und mein Kindergartenkind namens Rosette.

Jehova

Jehova

Januar

Januar

Ruanda

Veröffentlicht in Uncategorized am Juni 8, 2009 von johannaseitz

Bei dem weltwärts-Programm ist für die Freiwilligen ein Zwischenseminar vorgesehen. Da es in Burundi, aber nur uns vier Freiwilligen gibt, mussten, besser gesagt, durften wir Burundi für das Seminar verlassen und machten uns auf nach Ruanda.

Wir, dass sind Claire und ich, setzten uns also voller Vorfreude in den Bus nach Kigali. Eigentlich wussten wir, dass Ruanda und Burundi sich sehr ähneln und waren darum umso mehr überrascht, als wir nach einer nur sechsstündigen Busfahrt in einer völlig anderen Welt landeten. Wir hatten das Gefühl in Europa zu sein. Begeistert und staunend gingen wir durch die Straßen und ich traute meinen Augen kaum. Hochhäuser, moderne Gebäude, Leute saßen in Cafés, stylisch und mordern gekleidet, Frauen hatten lange Haare (nicht nur diese typische Kurzhaarfrisur, die in Burundi so gut wie jede Frau trägt). Es gibt eine richtige Einkaufs-mall, mit einem Supermarkt, der mir dann endgültig die Sprache verschlug. Er war nicht nur riesig, es gab darin einfach alles, Dinge die ich schon seit 9 Monaten nicht mehr gesehen, ja schon fast vergessen hatte. Eigentlich brauche ich euch nicht viel von diesem Supermarkt zu erzählen, er war einfach genau so wie die Supermärkte, in die ihr tagtäglich geht und die euch nicht sehr beeindrucken. Aber ich hätte Stunden damit verbringen können, einfach nur die Regale entlang zu gehen, zu staunen und mich zu freuen.

Zudem wird man in Kigali als Weißer kaum beachtet, dafür gibt es dort einfach schon zu viele von uns. Es gibt so gut wie keine Straßenkinder, und wenn man mal in seltenen Fällen angebettelt wird, dann nur von gut gekleideten Kindern, die nicht sehr arm sein können. In dieser Hinsicht, war Kigali für uns wirklich ein Urlaub von den vielen kleinen Dingen die uns in Bujumbura zu schaffen machen. Aber wenn man dann erfährt, wie es dazu kam, dass Kigali zu so einer Vorzeigestadt wurde, lässt die grenzenlose Begeisterung auch schon gleich wieder nach. Um Kigali zu dem zu machen, was es ist, ist man mit LKW´s durch die Straßen gefahren und hat einfach alle Straßenkinder eingesammelt um sie irgendwo im Landesinneren auszusetzen. Scheinbar vor allem in Heime, was hoffentlich wahr ist. Angeblich hat man ganze Armenviertel niedergerissen und den Leuten davor zwei Tage gegeben um zu verschwinden. Wohin? Ins Landesinnere, das den ärmlichen Zuständen Burundis dann schon wieder ziemlich ähnelt.

Unser Seminar fand in einem Kinderheim, mitten in der Pampa statt. Ohne fließend Wasser (bin ich ja mittlerweile gewöhnt) und ohne Elektrizität. Erst dachte ich mir, ob das denn wirklich sein muss, wo man doch auch in Kigali, in dem Gästehaus mit Warmwasser!!! hätte bleiben können. Aber das Kinderheim war auf jeden Fall die bessere Wahl. Durch geniale Konstruktionen wurde dort das Wasser einfach fließend gemacht, war tagsüber, mithilfe der Sonnenenergie sogar warm. Und ohne Elektrizität zu leben, lernte ich dort wirklich zu schätzen. Es war wunderschön, um sechs Uhr wenn es dunkel wurde, die Öllampen und Kerzen anzuzünden und dann einfach schon um 9 Uhr ins Bett zu gehen. Jeden Abend hatten wir eine wunderschöne Atmosphäre die man mit Elektrizität einfach nicht hinbekommt. Am meisten beeindruckt, an diesem wunderschönen und gut laufenden Kinderheim hat mich jedoch der Heimleiter, ein Mann aus Guatemala, der schon seit Jahren in diesem Kinderheim lebt, abgeschottet von dem Rest der Welt. Er hat jahrelang studiert und verdient jetzt nicht einmal so viel wie ein weltwärts-Freiwilliger, nur 200 Dollar im Monat. Kranken- und Rentenversicherung kann er sich nicht leisten, sein Vater, ein mehrfacher Millionär, hat ihn komplett enterbt, weil er mit dieser Lebensart seines Sohnes nicht einverstanden war. Ich bin selten einem glücklicheren Menschen begegnet. Seine Weise zu Leben hat mich nicht nur zutiefst beeindruckt, ich könnte mir durchaus auch vorstellen selbst mit so einem simplen Leben glücklich zu werden. Aber Mama, keine Angst, zuerst komme ich zurück und studiere. ;-)

Nach dem Seminar, reisten Claire und ich dann noch eine Woche durch Ruanda, von Freiwilligem zu Freiwilligem. Im Gegensatz zu Burundi hat Ruanda davon nämlich mehr als genug. Wir verbrachten vor allem viel Zeit im Bus, was aber nicht tragisch war, da wir die meiste Zeit aus dem Fenster schauen und den Aublick auf den wunderschönen Kivu-See genießen konnten.

Natürlich konnten wir Ruanda nicht verlassen, ohne nicht zumindest eines von den Zahlreichen Völkermorddenkmälern zu besichtigen und natürlich suchten wir uns das allerschlimmste aus. Murambi. Dort wurde eine große Schule gebaut, zu deren Einweihung es allerdings nie kommen sollte. Der Völkermord begann und die Regierung brachte in dieser Schule 50 000 Tutsis unter. Zum Schutz, wie es zuerst schien, um sie hinzurichten, wie es sich dann herausstellte. Erst wurden alle Opfer in ein Massengrab geschmissen um danach wieder 1000 auszugraben, zu mumifizieren und auszustellen. Genau diese Leichen, kann man jetzt auf die verschiedenen Klassenräume verteilt, besichtigen. Erwachsene, Kinder, Babys, alle in den Haltungen in denen sie niedergemetzelt wurden. Schützende Hände vor dem Gesicht, den Kiefer zum letzten hilflosen Schrei aufgerissen. Schädel zertrümmert, Köpfe abgetrennt. Und auch wenn das alles schon einige Zeit her ist, der Verwesesungsgestank bleibt und lässt die Besichtigung nicht nur auf das Gemüt sondern auch auf den Magen schlagen. Von den 50 000 haben 7 überlebt. In einem Raum sind die Kleider der Opfer in Regale gestopft. Warum stellt man Kleider aus?, fragte sich so mancher, doch genau diese Kleidung ist es, die einem erst bewusst macht, dass diese absurden Leichen Menschen waren. Die Kleidung gibt ihnen Gesichter. Viele der Kleidungsstücke sind offensichtlich aus Europa, Amerika, Kleiderspenden eben, wie man sie hier so oft sieht. Ob sich die Menschen, die diese Kleider vor Jahren gespendet haben, wohl je gefragt haben, was mit ihrer Kleidung, vor allem mit den Menschen die sie tragen, passieren wird? Wohl kaum. Aber solche Gedanken gingen mir durch den Kopf, als ich fassungslos an den Regalen vorbei schlich. Was habe ich wohl damals zu dem Zeitpunkt gemacht, als diese Menschen abgeschlachtet wurden? Gedanken die nirgendwo hinführen, sich aber dennoch nicht vermeiden lassen.

Informationen findet man bei diesem Denkmal kaum. Eine Frau, die damals ihre gesamte Familie bei diesem Massaker verloren hat, ist jeden einzelnen Tag der seit dem vergangen ist zur Stelle, führt die Menschen herum. Ihre Familie ist bei Gott, sagt sie und als wir darauf hin unsere Tränen nicht mehr zurückhalten können, ist es sie, die uns in den Arm nimmt und tröstet. Eine absurde Situation.
Zeitgleich mit uns, besichtigt eine andere Gruppe Jugendlicher das Denkmal. Über das ganze Gelände verteilt, sah man verstörte Menschen, die weinen, die nachdenken, manche sind zusammengebrochen. Aber am unheimlichsten ist die Stille die sich über den ganzen Ort legt. Vielleicht ist es gar nicht so falsch, dass es keine Informationstafeln gibt. Es gibt Dinge, die sich nicht in Worten ausdrücken lassen. Manchmal gibt es einfach nichts zu sagen.

Wir wissen nicht wirklich, wie wir mit dem, was wir zu sehen bekamen, umgehen sollen. Doch wie machen es die Ruander? Das ist schwierig einzuschätzen, einerseits gibt es zahlreiche Denkmäler, die an das was geschehen ist, erinnern sollen, andererseits ist es von der Regierung aus verboten, dass Wort Hutu und Tutsi auch nur überhaupt auszusprechen. Doch wie ist es möglich, die Vergangenheit auch nur stückweise zu bewältigen, wenn man die dazu wichtigsten Wörter nicht in den Mund nehmen darf? Stattdessen konzentriert sich Ruanda auf andere Dinge. In einem Land, in dem vor ein paar Jahren noch ein unvorstellbares Chaos herrschte, sind jetzt aus Gründen des Umweltschutzes Plastiktüten verboten. Dieses Verbot, wird sehr ernst genommen, an den Grenzen wird jede einzelne Tasche durchsucht. Auch barfuss laufen hat die Regierung verboten. Ein komisches Verbot, wenn man bedenkt, dass sich in einem Land wie Ruanda nicht jeder Schuhe leisten kann. Es scheint, als versuchten sie sich einfach irgendwelche Gesetzte und Verbote aus der Nase zu ziehen, um sich abzulenken, um sich an einem System der strengsten Ordnung festhalten zu können.

Gleichzeitig ist man weiterhin damit beschäftigt, die Täter des Völkermordes zu verurteilen. Da das vorhandene Gericht in Ruanda dafür mehr als 200 Jahr benötigen würde, hat jetzt jedes Dorf sein eigenes Gericht, dass aus der Bevölkerung besteht. Einmal pro Woche ist Gerichtstag, alle Läden sind geschlossen, keiner arbeitet. Das Dorfsgericht fällt Urteile, wie verlässlich diese sind, steht in den Sternen. Sind die Völkermörder erst ein mal im Gefängnis, bekommen sie einen orange- oder rosafarbenen Anzug, anhand dessen man erkennen kann, wie schwerwiegend ihre Tat war. Diese inhaftierten Völkermörder, kann man dann für wenig Geld aus dem Gefängnis ausleihen und für Arbeiten aller Art einsetzten. Es gibt tatsächlich Freiwillige, die von einem inhaftierten Professor Sprach Unterricht bekamen. Es ist ein komisches Gefühl, diese Menschen zu sehen und es gelingt mir nicht, mir dabei nicht jedes Mal vorzustellen, was sie wohl getan haben. Denn so schrecklich es auch war, die Opfer zu sehen, sind es doch die Täter, die mich am meisten schockieren.

Auf dem Land

Veröffentlicht in Uncategorized am April 29, 2009 von johannaseitz

Letzten Montag brach ich zu meiner „Reise“ ins Landesinnere auf. Schwer bepackt war ich unfähig zu Fuß zum Bus zu gelangen. Normalerweise kein Problem. Als Muzungu folgen einem die Taxis in der Regel auf Schritt und Tritt. Was aber auch zur Regel gehört, ist, dass das nur so ist, wenn du kein Taxi brauchst, also meistens. Wenn du dann aber auf der Suche nach einem bist, kannst du fast sicher gehen, dass sie sich vor dir verstecken. Ein Phänomen, dass auch an diesem Morgen wieder zu schlug. Verzweifelt machte ich mich mit Back-Packer Rucksack, Reisetasche und Gitarre zu Fuß auf den Weg, brach allerdings schon nach wenigen Metern fast zusammen und wurde dann von meiner Nachbarin gerettet, die mich mitnahm. Allerdings musste sie vorher ihre Tochter noch an der Schule absetzten, sprich ich würde zu spät kommen, und wollte wegen meinem vielen Gepäck eigentlich eher frühzeitig da sein. Ich machte mir Sorgen und es gibt ungefähr nichts Lächerlicheres als sich in Afrika wegen Unpünktlichkeit sorgen zu machen, was sich dann auch herausstellte. Ich kam ungefähr zehn Minuten zu spät, alle standen noch außerhalb des Busses, mir wurde dann gleich das Gepäck aus der Hand genommen und ich wurde, als Letztes angekommen, als Erstes in den Bus geführt. Hätte ich mir denken können. 

versammelte Mannschaft

versammelte Mannschaft

Dann ging es also auf nach Muyinga, einer kleinen Stadt, nahe an der Grenze zu Tansania, mitten in der Pampa. Die Busfahrt dauerte ungefähr vier Stunden, war aber sehr angenehm. Manchmal frage ich mich, wie Burundi so gute Straßen haben kann, wenn alles andere eher problematisch ist. Während der Busfahrt wurde ich dann doch langsam ein bisschen nervös, ich war zwar bereits ein Mal in Muyinga, aber immerhin nur für einen Tag und das war schon 8 Monate her. Aber auch diese Sorgen waren natürlich mal wieder unbegründet. Ich wurde total herzlich aufgenommen, mein Zimmer ist schön, der Heimleiter nett und die Kinder habe ich, wie ich das mit Kindern meistens so mache, sofort ins Herz geschlossen. Ich werde jeden Tag zwei Mal lecker bekocht, ich habe zwar angeboten das ich auch mit den Kindern essen kann, aber davon wollte keiner etwas hören. Es ist üblich, dass das Personal besser ist. Bei dem leckeren Essen fiel es mir dann auch schwer, das abzulehnen. Das es hier kein fließendes Wasser gibt, ist eigentlich weniger problematisch, als ich mir das vorgestellt habe. Mit nem Eimer eiskaltem Wasser zu duschen, ist eigentlich ganz erfrischend, und das sage ausgerechnet ich, die sich schon im heißen Bujumbura über die kalte Dusche beschwert hat. Hier ist es im Vergleich nämlich wirklich kalt…ich war ja bereits ganz am Anfang meines Burundiaufenthaltes ein Mal hier und empfand es nicht als sehr kalt, aber mir ist Bewusst, dass sich mein Empfinden für Kälte inzwischen ziemlich verändert hat. Anfangs machten wir uns noch darüber lustig, dass bei Regen alle ihre Pullis rausholten, mittlerweile bin ich die erste, die ihre Jacke an hat. Also habe ich mir bevor ich herkam auf dem Markt eine dicke Winterjacke gekauft und die habe ich hier tatsächlich auch oft an und das wenn die Kinder hier noch im T-Shirt rumlaufen. Dafür ernte ich natürlich den ein oder anderen erstaunten Blick „Kommst du nicht aus Deutschland?“ „Ähm ja, da kam mich mal her…“ Was ich hier so mache? Zur Abwechslung mal früh ins Bett gehen, was mir sehr, sehr gut tut. Und davor beschäftige ich mit den Kindern, was mir hier noch ein Mal mehr Spaß macht als in Bujumbura, weil die Kinder hier auch begeisterter sind. Im Gegensatz zu dem Straßenkinderheim in der Hauptstadt, sind hier anstatt 130 Jungs nur 37, es ist also viel einfacher und überschaubarer etwas zu machen. Ich habe meinen Lap-Top dabei und gebe auch hier Computerunterricht. Eine Woche bevor ich hier herkam, habe ich wieder mit dem Gitarrespielen angefangen und habe mir dann auch gleich eine gekauft, um sie hierher mit zu nehmen. Num gebe

viele unentdeckte Talente

viele unentdeckte Talente

ich so gut wie dem ganzen Heim Gitarrenunterricht, das mit dem Spielen klappt auch ganz gut, aber das mit dem Gitarrestimmen weniger. Ich habe einfach nicht das Gehör dazu. Also haben wir es sogar mit Teamwork versucht und ich habe abstimmen lassen, ob der Ton jetzt stimmt oder nicht. Aber jedes Mal nach dem Stimmen klang das Ganze noch schrecklicher. Aber da ich hier ja keine andere Wahl habe, ist aufgeben keine Option, und so gaaanz langsam habe ich den Dreh raus. Zu dem lerne ich mit den Kindern hier auch noch Englisch, jeden Tag fünf Sätze, die am Tag danach in einem Test abgefragt werden. Unglaublich wie motiviert die Kinder sind (und wie raffiniert im Schummeln).

Auch Karateunterricht habe ich hier auf Wunsch der Kinder gegeben, die sich von einigen meiner Kicks schwer beeindruckt zeigten. Seit dem prügeln wir uns regelmäßig, wobei aber auch immer öfter ich selbst die Flucht ergreifen muss. ;-)

Da ich hier fast immer nur Bilder von Kindern reinstelle, erweise ich hiermit den aelteren die Ehre: Unser Nachtwaechter, der Umutama (alter, weiser Mann) beim Spagat...alle Achtung!!!

Da ich hier fast immer nur Bilder von Kindern reinstelle, erweise ich hiermit den aelteren die Ehre: Unser Nachtwaechter, der Umutama (alter, weiser Mann) beim Spagat...alle Achtung!!!

Im Großen und Ganzen fühle ich mich hier also sau wohl. Am Montag muss ich zwar leider schon wieder gehen, weil ich nach Ruanda auf ein Zwischenseminar gehen werde, aber ich kann mir gut vorstellen, dass ich die danach noch übrig gebliebene Zeit hauptsächlich hier verbringe und Bujumbura den Rücken zu kehre….obwohl es dort natürlich auch einen Haufen Kinder gibt, die ich jetzt schon schrecklich vermisse…aber man kann halt nicht alles haben. Außer, dass ich in einer Region wo die Leute hungern, zunehme, ist also alles bestens.

Die fünf Freunde& Co

Veröffentlicht in Uncategorized am April 22, 2009 von johannaseitz

Aufmerksame Blogleser werden sich sicher noch an Arno erinnern, das Straßenkind das mir vor etwa einem halben Jahr folgte und das einige Tage später aber wieder spurlos verschwand. Er tischte uns damals Lügengeschichten auf, erzählte er sei Waise obwohl er noch beide Elternteile hatte, zudem noch einen recht wohlhabenden Vater, der dafür bezahlen wollte, dass wir sein Kind behalten. Doch so weit kam es nicht, denn Arno verschwand spurlos und das traf mich, Lügen hin oder her. Ich hatte ihn mehr oder weniger „mitgebracht“ und somit fühlte ich mich verantwortlich, er war so zu sagen mein Kind. So sehr mich seine Anwesenheit glücklich machte, so sehr nahm mich sein Verschwinden mit. Ich ging nicht auf die Suche nach ihm, wo hätte ich da anfangen sollen, aber ich hielt dennoch immer nach ihm Ausschau, sah oft Kindern hinterher, die ihm ähnelten und sah mir immer wieder sein Foto an, um ja sein Gesicht nicht zu vergessen, was wohl eh nie geschehen wäre. Viel Zeit verging, ohne dass er irgendwo auftauchte, doch ich glaubte fest daran, ihn eines Tages wieder zu sehen, wusste ich doch, dass er mir finden würde, wenn er nur wollte. Und das tat er.

Gedankenversunken lief ich durch die Stadt, als ich im Augenwinkel ein Kind über die Straße auf mich zu rennen sah und als ich mich umdrehte, traute ich meinen Augen kaum. Es war er.

Mein suesser Arno laesst seinen Charme spielen

Mein suesser Arno laesst seinen Charme spielen

Natürlich erkannte ich ihn sofort und wir vielen uns in die Arme. Ich hätte vor Erleichterung fast zu weinen angefangen, was ich zum Glück dann doch gelassen habe, hier verstehen Menschen keine Freudentränen. Als ich mich noch kaum von ihm gelöst hatte, kamen auch schon seine fünf Freunde hinterher, die mich nicht weniger stürmisch umarmten. Arno strahlte mich an, und sagte, komm los, wir gehen zurück ins Heim. Und meine Freunde auch. Worauf hin diese alle zu jubeln begannen. Und schon war mein Lächeln vom Gesicht gewischt. Ein gequälter Gesichtsausdruck trat an seine Stelle, wie so oft, wenn ich so gerne helfen würde, aber nicht kann. Unser Straßenkinderheim platzt aus allen Nähten, das Essen reicht gerade so, das Letzte was wir brauchen sind neue Straßenkinder. Um uns herum bildete sich eine Menschenmenge, logisch, eine Muzungu mit einem Haufen Straßenkindern, das ist schon sehenswert. Also benutzte ich die Menschenmenge als Übersetzter. Arno ließ ich fragen, warum er denn das letzte Mal einfach so verschwunden sei. Als Antwort bekam ich, dass Essen sei nicht gut gewesen. Nur Maisbrei und Bohnen. Der Übersetzter fügte dann noch hinzu, dass das doch nicht möglich wäre, wir müssten den Kindern doch auch noch andere Dinge geben, zum Beispiel Fleisch. Während ich mich an meiner Wut fast verschluckte, versuchte ich dem Herren zu erklären, dass nicht mal ich mir Fleisch leisten würde. Von meinem kleinen Arno war ich ein weiteres Mal enttäuscht, was trotzdem nichts änderte. Wir klammerten uns weiterhin aneinander. In meiner Ratlosigkeit, was mit den fünf Freunden zu machen sein, rief ich unseren Heimleiter an , der sagte, bring sie alle mit, wir reden mit ihnen. Froh darüber, dass mir jemand die Entscheidung abnahm, zog ich also mit all den Straßenkindern los. Ich musste erst noch in einen Laden, auf dem Weg dorthin sammelten sich mehr und mehr Straßenkinder hinter mir an. In dem Laden, die Kinder mussten selbstverständlich draußen warten und wurden zwischen durch von Sicherheitsleuten auch noch von dem Gehsteig gejagt, versteckte ich mich eine Weile, in der Hoffnung, einige würden ungeduldig werden und verschwinden. Aber wie kann ein Straßenkind ungeduldig werden? Ganz im Gegenteil, es wurden noch mehr. Als ich wieder aus dem Laden herauskam, rief ich den Heimleiter noch einmal an, und fragte „Was ist, wenn aus den fünf Freunden zehn werden?“ Und damit sind wir genau an dem immer wiederkehrenden Problem des Helfens angekommen. Wo fängt man an und wo hört man auf. Angefangen hatte ich bereits, also lautete die Antwort bezüglich des Aufhörens: Überhaupt nicht. Ich bekam die Erlaubnis sie alle mitzubringen. Aber da lag ja noch der Weg zum Bus vor uns und während ich mit einer Meute Straßenkinder an meiner Hand, an die sich alle zu klammern versuchten, aus Angst nicht mitgenommen zu werden, jubelten sie lauthals vor sich hin. Riefen etwas von Fondation Stamm und „Wir gehen essen“, was ich ihnen dann untersagte, aber zu spät. Die Zahl nahm kontinuierlich zu und so langsam fühlte ich mich wie der Rattenfänger aus Hamel, und genau so starrten mich die Leute auch an. Ich wusste nicht was ich machen sollte, und als ich einmal einen leeren Bus auch nur ein paar Sekunden zu lange fixierte, stürmte die Kinder herein, als ginge es um ihr Leben. Plötzlich hatte ich einen ganzen Bus voller Straßenkinder und einen Busfahrer, der einen Wucher-Muzungu-Preis verlangte. Am liebsten hätte ich ihm die Augen ausgekratzt, aber stattdessen ließ ich einfach nur den Kopf hängen, komplett fertig mit der Welt. Was tat ich hier eigentlich? Arno nahm mich an der Hand und sagte, komm wir nehmen einen anderen Bus. Das taten wir dann auch, besser gesagt, wir nahmen noch mehrere andere, denn auch wenn ich vorher denn Preis verhandelte, sobald die Kinder alle saßen, war er schon wieder gestiegen. Irgendwann stieß ich dann auf einen humanen Busfahrer, und was für ein Glück, bis dahin war die Kinderanzahl auch schon wieder auf 15 gesunken. Wir fuhren los und auf allen Gesichtern lag ein Hoffnungsschimmer. War das die Busfahrt in ein besseres Leben? Sie waren bereit alles hinter sich zu lassen, für etwas von dem sie keine Ahnung hatten, wahrscheinlich weil das „Alles“ was sie hinter sich ließen Nichts war. Nur mein Gesicht war gezeichnet von Gewissensbissen, ich hatte nie vor, neue Straßenkinder einzusammeln, ich wollte vor allem erst ein Mal, dass es unseren Kinder gut geht. Und genau um diese Kinder machte ich mir jetzt Sorgen. Würden sie sauer auf mich sein? Mehr Kinder = weniger Platz + weniger Essen. Doch da habe ich wieder sehr unburundisch gedacht. Natürlich wurden die Kinder wurden von den Anderen sofort sehr herzlich und mit offenen Armen aufgenommen und mir viel zumindest der Stein vom Herzen. Die Heimleiter unterhielten sich dann mit allen Neuankömmlingen, von denen allerdings drei bereits mehrmals im Heim waren und wieder abgehauen sind. Und so ging es gleich weiter: vier von den 15 verschwanden einfach wieder kommentarlos, was mir nicht sehr viel ausmachte. Vier Probleme weniger. Der Rest blieb, einige stürzten sich sofort in Heimleben, als wären sie nie woanders gewesen. Nach dem die Gespräche vorbei waren, sollte ich die Kinder allerdings wieder mit in die Stadt nehmen und sie dort „aussetzten“. Wir wollten einen Termin ausmachen, an dem sie erscheinen sollten um zu sehen, wer auch ernsthaft Hilfe wollte. Die Kinder hatten alle noch Familie, die meistens einfach nur zu arm sind, um die Kinder durchzubringen. Man müsste sie also reinserieren, das heißt in die Familien zurückführen und denen einen Mikrokredit geben, damit diese sich irgendwie etwas aufbauen können, einen petit-commerce, um ein bisschen Geld verdienen zu können. Alles also wie immer eine Frage des Geldes…Zu dem Treffen würden wahrscheinlich eh höchstens die Hälfte erscheinen, wurde mir gesagt, sprich vier oder fünf, also überschlug ich das ganze schnell im Kopf und da ich in das Ganze eh schon viel zu tief herein gerutsch war und es nicht übers Herz brach, die gegebene Hoffnung einfach wieder zu nehmen, sagte ich „Ok, ich zahls.“ Die Fondation selbst, hat einen strengen Ausgabenplan und kann nicht auch noch die Kosten für solche Sperenzchen übernehmen. Aber insgeheim brachte mich dieses Versprechen dazu, zu hoffen, dass nicht all zu viele an diesem Treffen auftauchen würden. Doof, eigentlich.

Am Abend, musste ich die Kinder dann wieder in der Stadt zurück lassen, was auch nicht gerade angenehm war. Für mich war es so langsam Zeit, die Innenstadt zu verlassen, da es gefährlich wurde und die Kinder sollte ich auf sich alleine gestellt da lassen. Vor allem bei Arno, den ich solange nicht gefunden hatte, fiel es mir schwer, ihn wieder ziehen zu lassen. Und auch der kleine Fleury, höchste fünf oder sechs Jahre, der meine Hand gar nicht mehr los ließ, brach mir damit das Herz, als er mich bis zum Bus begleitete und dann draußen stehen bleiben musste.

Heute Morgen war das Treffen und das Unmögliche ist geschehen. Meine finanziellen Sorgen und die damit verbundenen Hoffnungen, es würden nicht so viele auftauchen, sind Schnee von Gestern. Es waren, alle, und zwar wirklich alle da. Selbst die, die eigentlich sofort wieder verschwunden waren. Die ganzen 15 und ich bin unglaublich froh darüber. Das ganze ist zwar ein teurer Spaß, aber wenn ich da durch Kinder in ihre Familien zurückbringen kann, dann ist das noch viel mehr Wert. Mein Geld hier, reicht vorne und hinten nicht mehr. Ungefähr 400€ wird das Ganze wohl kosten, sprich meine Eltern müssen wohl noch ein Mal etwas überweisen. (Wer eine arme Muzungu (ja die gibt es!!) unterstützen will, überweist an meine Eltern.:-) )

Der „Wert“ eines Lebens

Veröffentlicht in Uncategorized am April 17, 2009 von johannaseitz

Man sagt jedes Leben sei gleich viel „wert“. Moralisch gesehen ist das vielleicht so, aber mit der Realität hat das wenig zu tun. Das muss ich hier immer wieder erleben. Damit meine ich nicht nur so Kleinigkeiten, wie dass der eine Busfahrer heute einen anderen, der vor mir im Bus saß wieder rausschicken wollte, damit ich mitfahren konnte und ich dankend mit der Begründung ablehnte, das wäre Rassismus. Mittlerweile bin ich es gewohnt, von meiner Umgebung als etwas Wertvolleres eingestuft zu werden, hier dreht sich alles um Geld, was im Endeffekt bedeutet, der Mensch ist soviel wert wie er Geld hat. Es klingt arrogant, aber man muss aufpassen, dass man diese allgemeine Überzeugung nicht auch übernimmt. Manchmal schleicht sich der Gedanke ein, dass da vielleicht ein Funken Wahrheit dran sein könnte. Ich denke an meine viel versprechende Zukunft, in der mir alle Türen und Möglichkeiten offen stehen. Vielleicht (hoffentlich) wartet ein erfolgreiches, langes Leben auf mich, könnte das nicht mehr wert, sprich lebenswerter sein, als ein Leben auf der Straße, in dem jeder Tag ein Kampf ums Überleben ist, und der Tag, an dem man diesen Kampf verlieren wird auch nicht mehr all zu fern ist? Nein. Solche Gedanken muss man schnell wieder verwerfen, denn wer vermag schon zu sagen, was ein lebenswertes Leben ausmacht? Ich nicht. Ein heikles Thema. Deshalb sollte ich mit dem Philosophieren aufhören und mich harten Fakten zuwenden: Dem „Wert“ eines mittellosen Menschen in Burundi.

Ich war heute in Kanyosha, in einem sehr armen Viertel Bujumburas unterwegs und auf einmal lag vor mir ein junger Mann, vielleicht in meinem Alter, auf dem Boden, im Schlamm. Erst dachte ich, er wäre tot, doch dann begann er sich verkrampft und unter Schmerzen zu winden. Er hatte spastische Zuckungen und Schaum vor dem Mund. Ein epileptischer Anfall. Ziemlich schnell bildete sich ein Kreis Schaulustiger um ihn, darunter ich, allerdings alles andere als schaulustig, sondern einfach nur geschockt und vor allem hilflos, wie schon so oft zuvor. Die Jungs, mit denen ich unterwegs war, drängten mich dazu, weiterzugehen. Doch ich konnte nicht einfach gehen, ich sagte, ich kann den doch nicht einfach hier sterben lassen. Also blieb ich zwar stehen, aber wäre er gestorben, hätte ich ihn trotzdem einfach sterben lassen. Die Menge murmelte ständig etwas von Muzungu, jeder erwartete von mir, dass ich etwas unternahm. Aber nicht jeder Weiße ist auch Arzt, was die Meisten hier jedoch glauben. Also blieb ich einfach nur stehen, unfähig, auch nur irgendetwas zu tun. Ich blieb stehen und litt mit. Jedes Mal, wenn sich der Mann zusammen krümmte, zog sich mein gequältes Gesicht zusammen. Als einziges. Die Menschen um mich herum blieben regungslos, unberührt. Für sie war der Vorfall wahrscheinlich eine willkommene Abwechslung zum tristen Alltag. Die Menschen hier haben schon viel zu viel gesehen, um sich von so etwas noch beeindrucken zu lassen. Wahrscheinlich ruhten mehr Blicke auf mir, als auf dem Mann. Dieser beruhigte sich nach einer Weile, blieb jedoch liegen, im Dreck, abwesend, starrte mit leerem Blick Richtung Himmel. Die anderen zogen mich weiter, doch in Gedanken blieb ich zurück. Ein Rotkreuz-Auto fuhr vorbei, ich rannte ihnen hinter her, hielt sie an, fragte sie verzweifelt, ob sie nicht irgendwie helfen könnten. Nein, dass könnten sie nicht, deswegen haben sie ihn liegen lassen. Aber das wird schon wieder werden. Hoffentlich, sagte ich, drehte mich noch einmal um, der Mann lag immer noch regungslos im Schlamm, die Leute begannen einfach an ihm vorbei zu gehen, als wäre nie etwas gewesen. Niedergeschlagen wurde mir bewusst, wie wenig ein Leben wert sein kann. Das ist so in Burundi, versucht mich einer der Jungs zu trösten. Es ist wahr. Es ist so, und ich habe diese Wahrheit schon erstaunlich gut akzeptiert. Ich hätte ein Taxi anhalten können, ich hätte mit ihm in ein Krankenhaus gehen können, ihm Medikamente kaufen, für zukünftige Anfälle. Ich hätte viel Geld ausgeben können, um ihm vielleicht helfen zu können, vielleicht auch das Leben zu retten, aber irgendwie war es mir das nicht wert und das erschreckt mich selber wohl am allermeisten. Wie weit darf Anpassung gehen?
Wenn man hier eine schlimme Krankheit hat, dann stirbt man eben. Manchmal selbst an harmlosen Krankheiten. Man hat hier sogar gesund genug Gelegenheiten zu sterben. Wenn ich wollte, könnte ich hier jeden Tag Leben finden, die gerettet werden könnten. Gerettet? Für wie lange? Und wie geht es dann weiter? Im Großen und Ganzen kann man nichts ändern, und so hart es auch klingt, aber um effektiv arbeiten zu können, muss man sich auf die leichten, viel versprechenden Fälle konzentrieren und die Problemfälle außen vor lassen. Ich glaube das ist oft ein Problem der Weißen, die in der Entwicklungshilfe arbeiten, sie bringen das, verständlicherweise, nicht übers Herz. Einheimische, die in dieser harten Realität aufgewachsen sind, können das Ganze emotionsloser, nüchterner betrachten. Unmenschlicher? Vielleicht.

Der Wert jedes Menschen sollte gleich sein, ist jedoch relativ. Hier liegt er sicher zu tief, doch ich frage mich manchmal auch, ob wir nicht übertreiben. Ist es wirklich nötig, praktisch schon tote Menschen über lange Zeit mit hohem Einsatz am Leben zu halten? Vielleicht ja, doch wie fühlen sich Ärzte, die das Leben um jeden Preis schützen, wenn sie doch wissen, dass anderswo Menschen an Grippe sterben, weil sie sich keinen Arzt leisten können? Haben sie nicht das Gefühl am falschen Ort zu sein?
Das Leben ist absurd. Warum können wir Menschen bis zum Mond fliegen, schaffen es aber nicht, die überaus ausreichende Nahrung gerecht auf der Welt zu verteilen? Sind wir wirklich noch Menschen oder bereits zum Roboter mutiert? Fragen, die die Welt leider nicht bewegen, aber über die ich mir hier in Burundi so hin und wieder mal Gedanken macht. So. Das war mein sehr verspätetes Wort zum Sonntag.