Schicksale
Meine Zeit im Landesinneren ist nun vorbei, ich bin wieder in Bujumbura, nachdem ich noch zwei Tage in einem anderen Kinderheim in Ngozi verbracht habe. Ich liebe das Landesinnere, aber ich bin auch unglaublich froh wieder hier in der Hauptstadt zu sein, duschen zu können, essen was und wann ich will. Es ist auch schön wieder meine Freunde um mich zu haben, nicht dass ich im Landesinneren keine Freunde hätte, aber hier ist es einfach etwas anderes. Und es ist auch ganz schön ab und zu einem Weißen über den Weg zu laufen und Deutsch zu reden.
Die letzten Tage im Kinderheim in Muyinga habe ich noch damit verbracht, die Dossiers, mir fehlen bereits die Deutschen Wörter, für die Kinder ab zu tippen. Dossiers, hhmm, da steht eben die Herkunft und Geschichte der Kinder drin, ihr Verhalten und so weiter. Anfangs haben mich die Geschichten der Kinder immer besonders interessiert, aber ich merkte schnell, dass das ziemlich belastend ist und die Gefahr besteht, die Kinder danach mit anderen Augen zu sehen. Wie begegnet man den Jungs, wenn man weiß, dass sie auf der Straße andere vergewaltigt haben? Scheinbar ist das auf der Straße bereits ab dem Alter von 11 üblich, ich kann es kaum glauben. Wir haben in Deutschland eine gewisse Vorstellung von Vergewaltigern, die ganz und gar nicht mit den Jungs in den Heimen übereinstimmt. Ich kann es mir nicht vorstellen und ich will es auch überhaupt nicht.
Oft wenn ich versuche den Jungs ein wenig Französisch oder Englisch zu unterrichten, platzt mir fast der Geduldsfaden, weil sie einfach sehr wenig und sehr langsam verstehen. Ich kann einfach nicht nachvollziehen, wie man so einfache Dinge nicht blicken kann. Aber durch die Geschichten der Kinder wurde mir einiges klarer. Fast alle haben als sie auf der Straße waren, Drogen genommen, was weiß ich alles geraucht und geschnüffelt. Und das als kleine Kinder, einer unserer Jungs hat bereits im Alter von 3 Jahren auf der Straße gelebt. Das das erhebliche Schäden im Gehirn anrichtet, ist klar. Sébastien ist verzweifelt: „Ich lerne und lerne, aber es bleibt einfach nichts in meinem Kopf. Es ist lange her, dass ich mit den Drogen aufgehört habe, aber sie verfolgen mich, versuchen immer noch meine Zukunft zu zerstören.“ Aber er gibt trotzdem nicht auf. Er lernt weiter. Dann eben noch fleißiger!
Wieso landen Kinder auf der Straße? Das ist der traurigste Teil der ganzen Geschichten. Denn die meisten von ihnen sind keine Waisen, zumindest keine Vollwaisen. Es läuft immer nach demselben Schema ab. Meistens stirbt ein Elternteil, der Mann verlässt die Frau oder das Kind ist von Anfang an unehelich. Wenn der Mann stirbt verkauft er vorher oft noch den ganzen Besitz, und der verwitweten Frau bleibt nichts. Das Elternteil das übrig bleibt, heiratet dann immer neu, denn verheiratet sein ist hier so gut wie Pflicht. Der neue Ehepartner akzeptiert aber in der Regel keine Kinder aus alter Ehe, sie werden höchstens als Arbeitskräfte versklavt. Zu essen bekommen sie kaum etwas. Wenn das essen dann insgesamt knapp wird, kommt es häufig zu Mordanschlägen auf die eigenen Kinder. Denn der Ehepartner wird scheinbar meistens den eigenen Kindern vorgezogen, will er die Kinder nicht, will man sie selber auch nicht mehr. Und man hat ja sowieso bereits neue Kinder aus der neuen Ehe, wozu also noch der Ballast aus alter Ehe? Den Kindern wird angedroht, dass sie vergiftet werden, ein Kind wurde in ein Wasserbecken gestoßen. Von der eigenen Mutter. Die Nachbarn mussten ihn retten. Die Kinder fliehen aus Todesangst auf die Straße. Ich komme zu dem Schluss, dass es ein harmloseres Schicksal ist, wenn die Eltern sterben, als wenn man von ihnen verstoßen wird. Was ist das für ein Start ins Leben? Auf der Straße klauen, betteln und arbeiten sie. Und sie hungern. Um schlafen zu können und um die Situation zu ertragen, helfen nur die Drogen.
Ich bin immer wieder überrascht, dass diese Kinder so etwas durchgemacht haben. Sie wirken auf mich wie ganz normale Kinder. Und wenn ich sie ansehe frage ich mich, wie man so liebenswürdige Kinder verstoßen kann. Ich verstehe es nicht und empfinde Wut und Hass auf ihre Eltern, die sie in die Welt gesetzt haben um ihnen dann so etwas anzutun. Auf all die Mütter, die sich lieber ihrem neuen Ehemann unterwerfen als für ihre eigenen Kinder zu kämpfen. Ich weiß, dass Leben hier ist hart, aber ich beginne nun Respekt für die Frauen zu empfinden, die gemeinsam mit ihren Kindern auf der Straße leben. Immerhin haben diese Kinder eine Mutter. Und wer oder was kann schon eine Mutter ersetzten? Man sagt, dass der Krieg die Menschen verändert hat. Dass das Gemeinschaftsgefühl verloren gegangen ist und jetzt jeder nur noch ein Einzelkämpfer ist. Aber ist die Armut eine Rechtfertigung für alles? Der Krieg hat die Menschen so gemacht. Aber es sind auch die Menschen, die den Krieg gemacht haben.

März 26, 2010 um 5:11 pm
liebe Johanna,
das ist ja ein umfassender und erschütternder Bericht, den du heute geschrieben hast! Es ist gut, wenn wir diese Dinge “aus erster Hand” erfahren. So schlimm habe ich mir trotz deiner vielen Berichte die Situation vor allem der Kinder nicht vorgestellt. Für uns wirklich
unvorstellbar! Und wohl kaum eine grundlegende Änderung in Sicht!
Sei herzlich gegrüßt
Dein Opa
März 27, 2010 um 4:19 pm
Hallo liebe Johanna!
Ich wollte mich auch mal wieder melden. Deine Berichte sind einfach wunderbar! Erschütternd, lustig, nachdenklich machend, traurig, erstaunlich,…..Du hast auch einen tollen Schreibstil, wenn ich das mal anmerken darf. Es gibt ja so viel Elend und Ungerechtigkeit in der Welt, dass man gar nicht weiß, wo man anfangen soll mit Helfen.
Liebe Grüße
Bettina
April 1, 2010 um 10:31 am
Hey liebe Jojo,
. Ich freue mich so arg!! Wir müssen uns unbedingt sehen
.
).
sooo, endlich konnte ich deine Berichte mal wieder lesen…Ich war zwischenzeitlich eine Woche in Paris (wo ich natürlich an dich und unseren gemeinsamen Urlaub gedacht habe *g*) und jetzt seit Montag hat unser Semester wieder begonnen.
Ich hab mich total gefreut, als ich gesehen habe, dass du in der Zeit so viele tolle Berichte geschrieben hast, es ist einfach immer wieder schön von dir zu hören!!
Hoffentlich hast du alle deine Krankheiten gut überstanden, so dass wir dich in gut einer Woche wieder gesund begrüßen können
Was du erlebst in Burundi ist natürlich wieder der absolute Wahnsinn- sowohl positiv als auch negativ. Unglaublich, dass eine Mutter ihre eigene Kinder verstossen kann und auch noch versucht sie umzubringen! Alles wegen einem Mann…
Das du zum Buddhismus gewechselt hast war wirklich eine überraschende Neuigkeit…Würd mir gern erzählen lassen was dich dazu bewegt hat (nicht negativ gemeint jetzt
Bis wir uns wieder sehen oder lesen wünsche ich dir ne wunderbare Zeit!!
Fühl dich umarmt
von Melanie