Halleluja – Amen!!!

Letztes Wochenende war ich sehr krank und konnte somit den Gottesdiensten entgehen. Mittlerweile geht es mir zum Glück wieder einigermaßen gut. Also muss ich meine Versprechen einlösen. Ausversehen habe ich zu viele gegeben, was für mich heißt, Samstag und Sonntag in die Kirche. Ich hatte so oder so vor, in die Kirche zu gehen, es gehört einfach zu Burundi dazu. Und wenn ich am Leben der Kinder teilnehmen will, dann darf ich auch diesen, für sie oft den wichtigsten Teil nicht auslassen. Und es freut mich, ihnen diese Freude machen zu können. Sie sind so unglaublich stolz, wenn sie an meiner Seite die Kirche betreten. Endlich ein Ausgleich dafür, dass sie sich oft dafür schämen müssen, schlechter gekleidet zu sein als der Rest. Ich verstehe es nicht ganz, da ich nicht das Gefühl habe, jemand würde sie schräg ansehen, jeder weiß, dass sie arm sind und daraus wird ihnen ja auch kein Vorwurf gemacht. Und trotzdem leiden sie darunter, fragen mich vor allem deswegen immer wieder nach Schuhen.

Samstag gehe ich also einmal wieder in eine der Pfingstkirchen. Zudem noch einer der strengsten, ich frage tausendmal vorher, ob mein einziger Rock, der gerade so über die Knie geht, wirklich in Ordnung ist. Hosen sind für Frauen ein Tabu. Ich bin die erste Weiße, die diese Kirche betritt. Sofort werde ich in die erste Reihe geführt, mir wird ein Übersetzter zugeteilt. Ich stöhne unbemerkt auf, es ist so unglaublich anstrengend, zweieinhalb Stunden aufmerksam einem Übersetzter zu hören zu müssen. Mir wird ein Stuhl angeboten, doch ich lehne eine Sonderbehandlung dankend ab, und bleibe auf meiner Holzbank ohne Lehne sitzen. Schon kurze Zeit später schmerzt mein Rücken und ich bereue meine Entscheidung. Ein Chor nach dem anderen geht nach vorne und singt, und sie singen wunderschön, aber diese Kirche ist so streng, dass man nicht tanzen darf. Nicht einmal in der Kirche. Dadurch wirkt das ganze seltsam verkrampft und aufgesetzt. Zur Begleitung wird getrommelt, ein Rhythmus der eigentlich mitreist, aber keiner darf sich bewegen, auf jeden Fall nicht so, dass es nach tanzen aussehen könnte. Der Pastor ist ein alter Mann, er predigt von einem bösen Gott, schreit die Menge an, droht. Ich erinnere mich daran, wie ich Safari, auch Mitglied dieser Kirche, gefragt habe, wovor er Angst habe. Die anderen Kinder antworteten, vor dem Krieg, vor Hunger, vor Soldaten. Safari hat Angst vor Gott. Mich wundert nichts mehr. Immer wieder, wenn der Pastor von seinem Geschrei eine Verschnaufpause braucht, setzt er kurz ein Lächeln auf und sagt „Gott sei mit euch.“ Selbst das, wirkt seinem Mund bedrohlich. Irgendwann stellt mir der Übersetzter die gefürchtete Frage, in welcher Kirche ich den gewöhnlich bete. Ich gehe nicht in die Kirche, sage ich. Ich habe die Kirche verlassen und bin zu einer anderen Religion konvertiert, die sich Buddhismus nennt(haha, das haben viele von euch wahrscheinlich auch noch nicht gewusst). Er blickt mich verstört an, fragt ob wir in dieser anderen Religion wenigstens auch an Jesus und an die Bibel glauben. Ich schüttele den Kopf und sein Blick verrät tiefes Mitleid, als hätte ich ihm verkündet, dass ich an einer unheilbaren Krankheit leide und in ein paar Tagen sterben werde. „Das ist schlimm“, sagt er und den Rest der Messe übersetzt er nicht mehr, sonder versucht mich zu bekehren, was noch um einiges anstrengender ist. Ich lasse es über mich ergehen. Er ist ein gebildeter Mann, aber Glaube macht hier so oft blind. Er versteht nicht, dass man jemanden, der nicht an die Bibel glaubt, auch nicht Worten aus ihr überzeugen kann. Er versteht nicht, dass man jemanden, der nicht an den Himmel glaubt, nicht mit dem Himmel locken kann, und nicht mit der Hölle drohen. Er versteht nicht, dass ich frei bin, von all den Zwängen, Pflichten und Drohungen, denen er widerstandlos sein ganzes Leben unterwirft. Er sieht in mir ein Opfer. Ein sündiges Opfer, das noch früh genug dafür büßen wird und das tut ihm leid, denn er ist ein guter Mensch und er wird für mich beten. Für ihn ist die Religion so essentiell, so überlebenswichtig, dass er das ganze so wenig nachvollziehen kann, als sagte ich, ich glaube nicht an die Luft zum atmen. Er fragt ob er mich besuchen kommen darf. Ich sage, nur wenn wir nicht über Gott reden. Wir werden keine Lösung finden. Er ist verzweifelt. Er hätte mich so gerne gerettet. Am Schluss wird mindestens eine Viertelstunde Gott gedankt, dass er ihnen heute eine Weiße beschert hat. Ich muss mich vorstellen. Allen Pfarrern und wichtige Leuten die Hand geben. Ich werde gesegnet, Jesus soll mich begleiten auf allen meinen Wegen, Halleluja, ich starre zu Boden und fühle mich ein wenig, wie eine Verräterin.

Heute, Sonntag, musste ich also schon wieder in die Kirche. Versprochen ist versprochen. Wieder eine Pfingstkirche, aber dieses Mal um einiges angenehmer. Diese Kirche ist nun mehr eine Kirche der Armen. Konstruiert mit ein paar Baumstämmen, Wände aus Bambushölzern und eine Decke aus Unicef-Isoliermatten, mit Stroh bedeckt. Girlanden, gebastelt aus alten, vollgeschriebenen Schulheften. Kinder in Lumpen und ohne Schuhe. Kleine Kinder, die noch kleinere auf dem Rücken tragen. Ein Keyboard und dröhnende Lautsprecher. Alle springen durch die Gegend, tanzend, grölend, außer sich vor Freude. Keiner bleibt sitzen, es entsteht eine Art Tanzfläche. Der Gottesdienst wird nicht von alten, grimmigen Männer gehalten sondern von jungen, nicht älter als 25. Schick angezogen, aber trotzdem glitzert ein Obama-Gürtel unter dem Anzug hervor. Ich bekomme angenehmerweise keine Sonderbehandlung und keinen Übersetzter, wahrscheinlich kann hier auch niemand wirklich französisch. Vorstellen sollen sich die Gäste trotzdem, ich stelle mich auf Kirundi vor und die Leute sind begeistert. Die Predigt gleicht einem Theaterstück. Die Gestik des Pastors könnte Pantomime sein, nur dass er dazu auch noch rumbrüllt. Er erzählt Geschichten, von Wunderheilungen, die im Fazit aussagen, dass man nicht zum Arzt soll sondern beten. Mathieu, den ich hierher begleitet habe, hat mir zuvor von seinen Augenproblemen erzählt, ich sagte, ich werde versuchen Geld zusammen zu kratzen um ihn und ein paar andere Jungs zum Optiker zu schicken und ihnen eine Brille zu kaufen. Danach sagte ich zu ihm zum Spaß, dass er ja überhaupt keine Brille bräuchte sondern einfach mehr beten müsste. Er lacht und sagt, nein das würde ja nicht immer klappen, ich hätte das nicht richtig verstanden. Ja, immer bin ich diejenige, die nicht richtig versteht. Im Endeffekt ist auch die Kirche eine Art Wirtschaftsunternehmen, die auf Nachfrage und Angebot basiert. Den Leuten wird erzählt, was sie hören wollen. In diesem Fall, haben die Leute kein Geld für den Arzt, sie leiden Hunger. Also wird erzählt, dass Jesus einem zu Essen gibt und Gott einen heilt. Und die Leute sind zufrieden. Auch wenn sie nicht satt werden, nachdem sie den ganzen Vormittag in der Kirche waren. Dann müssen sie eben noch mehr beten. Vor mir sitzt ein abgehalftertes Kind, sein Kopf ist von weißen Pilzen übersät. Am Hinterkopf steht eine große Beule, fast wie ein Tischtennisball, hervor, in der es pocht, als würde sie jeden Moment platzen. Und für einen Moment wünsche ich mir, dass auch ich daran glauben könnte, dass Gott sie heilen wird.

Eine Antwort zu “Halleluja – Amen!!!”

  1. Buddhismus! krasse sache. wir müssen uns unbedingt sehen, wenn du wieder da bist!!

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