Der Präsident
Und trotzdem kann mich nichts voll und ganz ans Bett ketten, nicht heute wo in dem Dorf Muyinga, in dem ja nie etwas passiert, endlich mal etwas los ist. Denn heute kommt der Präsident. Wahlkampf. Und ich muss ihn unbedingt sehen. Diesen Mann, dessen Porträt einen von allen Wänden herab anstarrt. Mein früherer entfernter Nachbar, der fast jeden Morgen mit seiner militärbeschützten Wagenkolonne an mir vorbeibrauste. Hinter verdunkelten Scheiben, versteht sich. Diesen Mann, dessen schlaue Worte man jeden Tag im Fernsehen hören darf, besser gesagt bei den wenigen Programmen keine Wahl hat. Diesen Mann, der damals ein Baby in die Luft geschmissen hat und es auf seiner Machete aufgefangen hat. Diesen Mann, der es mit Gottes Hilfe geschafft hat, dass ihm sein Land vergibt. Der Mann, der die Meinungen der Menschen spaltet. Der Mann, der vielleicht nicht so viel von Politik und Demokratie versteht, aber dafür umso mehr vom Wahlkampf. Von weitem hört man bereits die Musik, Lieder für ihn geschrieben, sprechen von ihm fast wie von einem Heiligen. Alle klatschen, jubeln, ein richtiges Volksfest. Er schleppt, wie so oft, Steine durch die Gegend, hilft bei dem Aufbau einer Schule. Einer muslimischen Schule, das muss ich ihm zu Gute heißen. Danach gibt es ein Fußballturnier. Meistens pflanzt er dann auch noch irgendwelche Bäume. Er kennt seine Leute und weiß, wie er sie begeistern kann. Dabei konzentriert er sich voll auf das Landesinnere, auf die Armutsbevölkerung, weil die einfach die große Mehrheit bilden, auf die es in einer „Demokratie“ ankommt. Ein Großteil von ihnen sind einfache Bauern, sie interessieren sich nicht für politische Reden, aber wenn jemand wie sie Bäume pflanzt, dann ist das schon etwas. Und Fußball liebt jeder. Ich persönlich weiß nicht wirklich was ich von ihm halten soll. Dass mit dem Baby kann ich ihm nicht verzeihen, wie es Gott anscheinend getan hat. Und ich finde den Bauch, den er in seinen fetten Autos spazieren fahren lässt, etwas groß, dafür dass sein Volk hungert. Ich erhasche einen kurzen Blick auf ihn, den Held mit seinem Cowboyhut. Eines muss ich ihm lassen: Endlich mal ein Burunder, der noch mehr Aufmerksamkeit auf sich zieht, als es meine Hautfarbe tut.
Auch das Fußballturnier ist ein riesen Fest. Ein Volksauflauf, endlich wird mal etwas geboten. Die Stimmung kocht, die Leute jubelnd und tanzen, ob es ihnen dabei wirklich um Fußball geht, wage ich zu bezweifeln, denn sie freuen sich bei jedem Tor, egal für welche Seite. Positiv überrascht bin ich davon, dass das Schiedsrichterteam aus Frauen besteht. Dafür stürmt bei Streitigkeiten auf dem Spielfeld die Polizei mit ihren Maschinengewehren und Schlagstöcken aufs Spielfeld. Einmal gibt es eine Verzögerung, die zu lange dauert. Das Publikum wird unruhig. Denn wie auch die gesamte burundische Bevölkerung, besteht es hauptsächlich aus Kindern. Einer beginnt aufs Spielfeld zu rennen, alle anderen stürmen hinterher, als hätten sie nur auf das Kommando gewartet. Die Polizei ist im ersten Moment überfordert, zögert, dann beginnen sie, die Kinder mit ihren schwingenden Gürteln zu schlagen und zu vertreiben, alle rennen wieder panisch vom Spielfeld. Nein, panisch ist das falsche Wort. Sie lachen. Es macht ihnen Spaß, der Polizei auf der Nase herum zu tanzen. Die ganze Beschreibung mag jetzt so klingen, als wäre das Ganze ein einzig großes Chaos, aber das ist nicht wahr. Es ist einfach eine andere Art von Ordnung.