vergiftet
Malenga. Ein Freund von mir, den ich in Muyinga, im Landesinneren kennen gelernt habe. In Bujumbura sind unsere Freunde reich. Malenga ist arm. Er ist Halbweise. Seine Mutter ist schon lange tot. Sein Vater lebt im Kongo. Malenga hat ihn erst mit 14 kennen gelernt. Er hat eine neue Frau, neue Kinder. Malenga ist dort nicht erwünscht. Also lebt er, nach dem er lange auf der Flucht war, in Muyinga bei seiner Tante und seinem Onkel. Auch dort ist er nicht erwünscht, aber zumindest akzeptiert. Im Kongo, wo Malenga auch geboren wurde, hatte er bereits die 8. Klasse erfolgreich abgeschlossen. Aber da er damals fliehen musste, fehlen ihm seine Zeugnisse. Und deshalb darf er in Burundi nicht mit der 9. Klasse weiter machen sondern wurde zurück in die 6. Klasse geschickt.
Das tut mir Leid, denn er ist intelligent, spricht sehr gut französisch und ist in der 6.Klasse natürlich völlig unterfordert. Er könnte in den Kongo gehen um seine Zeugnisse zu holen. Aber dazu fehlt ihm das Geld. Sein gut verdienender Onkel gibt ihm keines. Und da fangen die Probleme an und ich verstehe plötzlich nur zu gut warum unsere Freunde in Bujumbura wohlhabend sind. Freunden will man helfen. Aber ist das Freundschaft, wenn immer nur der eine gibt, beziehungsweise geben kann? Ja, es ist Freundschaft und ich gebe ihm das Geld, weil ich will, dass er die Schule fertig machen kann. Die oft einzige Chance in Burundi der Armut zu entkommen.
Er ist überglücklich und zieht also los in den Kongo. Er will so schnell wie möglich zurückkommen, denn ganz geheuer ist ihm der Kongo auch nicht. „Pass auf dich auf“ rufe ich ihm noch hinterher und weg ist er. Die ersten zwei Tage ruft er noch öfter an, sagt er werde am Freitag zurückkommen. Doch er kommt nicht. Und er ruft nicht mehr an. Und ich, ich bekomme es mit der Angst zu tun. Erinnere mich an seine Worte, die ich zu dem Zeitpunkt noch nicht ernst nahm: „Ich komme so schnell wie möglich zurück, meine Familie dort könnte mich vergiften.“
Ein Horror der Ungewissheit bricht über mich herein. Ständig wähle ich seine Nummer doch ich kann ihn nicht erreichen. Eigentlich weiß ich nicht mal wo er ist, geschweige denn bei wem. Ich bin hilflos. Ich kann nur warten und versuchen, dabei nicht zu verzweifeln. Seine Tante aus Muyinga ruft mich an und fragt mich, wo Malenga sei. „Ich weiß es nicht“ antworte ich und beginne doch zu verzweifeln. Die Tage vergehen und ich beginne mit dem Schlimmsten zu rechnen. Verzweifelt rufe ich Malenga´s Cousin an. Der kann mir auch nicht helfen, sagt mir nur, ich müsse warten. Vielleicht komme er zurück. Damit ist mir nicht geholfen. Was soll denn das verdammte „vielleicht“ heißen? Das er vielleicht auch nicht mehr zurück kommt?
Doch er kommt zurück. Nach einer schrecklichen Woche des Wartens. Alle Ängste und sorgen weichen von mir und ich falle ihm einfach nur in die Arme. Gott sei dank, er lebt. Doch es geht ihm nicht gut. Vier Tage lang, lag er im Krankenhaus. Die neue Frau von seinem Vater habe ihn wahrscheinlich vergiftet. Als er dann halb tot und ohne Geld im Krankenhaus lag, ist sein Vater verreist, ohne ihm einen Pfennig da zu lassen. „Jetzt bin ich Vollwaise“ erzählt er mir mit traurigen Augen. „Mein Vater ist für mich gestorben.“
Ein Bekannter hat die Krankenhauskosten übernommen. Über 100 Dollar. Vier Tage musste er bleiben, hat sein Bett nicht verlassen können und Blut erbrochen und gespuckt. Danach musste er sein Handy verkaufen um zurück nach Burundi kommen zu können. Aber er musste ja um jeden Preis zurückkommen. Sonst könnte seine Familie und seine Freunde denken ich hätte ihn umgebracht, weil er ja mit mir zusammen in Muyinga aufgebrochen ist. „Ach du liebe Güte“ denke ich nur. Von seinen Zeugnissen hat er nur eine Fälschung. An seiner alten Schule gibt es jetzt einen neuen Direktor, der die Papiere nur für 10 Dollar herausgeben wollte. Das Geld hatte Malenga nicht.
Aber das ist mir im Moment alles so gleichgültig. Hauptsache er ist da. Und das am lebendigen Leib. Am nächsten Tag geht er zurück nach Muyinga. Am Abend bekomme ich einen Anruf, ja er sei gut angekommen, aber es gehe ihm wieder sehr schlecht. Er hat wieder begonnen Blut zu erbrechen. Morgen würde er ins Krankenhaus gehen.
Am nächsten Tag erfahre ich, dass es ihm so schlecht ging, dass er bereits nachts um vier ins Krankenhaus eingeliefert werden musste. Er erbricht weiterhin Blut, die Ärzte sind ratlos. Der Horror beginnt von neuem. Ich weiß, es ist nicht meine Schuld, ich habe das Desaster nicht ahnen können, aber trotzdem bin ich in dem ganzen verwickelt. Würde es mich nicht geben, hätte ich nicht gemeint ihm irgendwie helfen zu müssen, wäre er jetzt gesund. Vielleicht würde er die Schule abbrechen, aber er wäre gesund.
Sein Cousin, der es wie immer versteht mich bestens zu beruhigen, sagt am Telefon zu mir: „Johanna, es geht ihm sehr schlecht, kannst du nicht kommen?“ Was soll denn das jetzt bitte wieder andeuten? Das er vielleicht sterben wird??? Aber Malenga selbst macht es mir auch nicht leicht. Er sagt es geht ihm sehr schlecht und es er sei zwar wegen mir in den Kongo gegangen, aber falls er sterben wird, ist das nicht mein Fehler, er sei mir trotz allem unendlich dankbar dafür, was ich für ihn getan habe. Ich bin mit den Nerven am Ende.
Und doch bringen auch solche Erfahrungen einen dazu, dass Land Burundi besser zu verstehen, vor allem die Leute. Wenn ich an die Frau denke, die ihm das (ohne jeden Grund) angetan hat bekomme ich Mordsgelüste. Ich denke an Rache, doch verwerfe den Gedanken schnell. Ich beginne zu verstehen, wie Kriege entstehen können. Es beginnt im Kleinen und irgendwann will sich jeder an jedem rächen. Ich beginne auch den starren Glauben, den ich in dem Eintrag zu vor noch kritisiert habe, zu verstehen. Hilflos wie ich bin, bleibt einem nur Gott (wobei für mich persönlich Gott und Kirche nicht das Gleiche sind).
Ich habe den Schaden, wenn auch indirekt, angerichtet, aber kann nichts, aber auch wirklich nichts tun um ihn wieder zu beheben. Nicht einmal vorbei kommen kann ich. Denn auch ich scheine das Pech anzuziehen und wurde jetzt zwei Wochen vor meiner Abreise noch mit einer Malaria niedergestreckt. An mein Bett gekettet liege ich also da, verzweifle und bete.
Ich erinnere mich an die Zeiten, in denen ich tierische Angst vor Malaria hatte. Heute sehe ich ein, es ist lächerlich harmlos. Mir geht es längst wieder besser. Malenga nicht. Ich bete weiter.
Burundi bringt mich an meine Grenzen. Bis zum letzten Augenblick.

August 3, 2009 um 5:05
liebe Johanna,
ich habe mit dir gelitten, als ich deinen heutigen Bericht las. Eines steht wohl fest: Es ist ein Segen, dass du in 2 Wochen wieder nach Hause kommst, zumindest mit dem guten Gefühl, tapfer durchgehalten und nie „gekniffen“ zu haben. Dass dich die Tragödie mit Malenga unheimlich schlaucht, verstehe ich nur zu gut. Dass du dir keinerlei Vorwürfe zu machen brauchst, ist das Eine. Dass du deshalb aber innerlich (noch) nicht zur Ruhe kommen kannst, das Andere.
So habe ich heute nur zwei Wünsche:
- dass du rasch wieder ganz gesund wirst und auch so nach Hause kommst und
- dass Malenga auch wieder gesund wird und sich deine Sorgen seinetwegen um so rascher auflösen können.
Wie auf deine Schwester, die souverain zum zweiten Mal
deutsche Junioren-Gedächtnismeisterin geworden ist, bin ich auch auf dich stolz, die du auf einem vollkommen anderen Gebiet wahrlich meisterhaft durchgehalten hast.
Ich wünsche dir trotz allem noch einige angenehme Abschiedstage in deiner einjährigen Heimat
dein Opa
August 3, 2009 um 9:28
Hey du,
es ist wirklich bis zum letzten Augenblick schockierend deine Berichte zu lesen. Burundi hätte viele von uns weit über ihre Grenzen des Ertragbaren hinaus gebracht- aber du hast ein Jahr voller Abenteuer, Gefahren und schockierender Erlebnisse durchgehalten und hast meiner Meinung nach auch bei Malengas Geschichte richtig gehandelt- für das Handeln anderer Personen kannst du nichts und hast auch nichts damit zu tun.
Es ist wirklich gut, dass du in zwei Wochen nach Hause kommst und ich hoffe, dass Burundi dir bis dahin keine neuen negativen Überraschungen offenbart.
Ich bin unglaublich stolz auf dich wie du das letzte Jahr gemeistert hast und ich werde dich immer dafür bewundern- du hast nicht nur den Schritt in die völlige Fremde gewagt, sondern dich ein ganzes Jahr lang neuen Herausforderungen gestellt und nicht aufgegeben.
Hoffentlich kannst du auch die letzten Tage in Burundi noch ein bisschen genießen. Ich freue mich unglaublich auf deine Rückkehr, denn ich habe dich im letzten Jahr sehr vermisst!
Pass die letzte Zeit noch gut auf dich auf, hdl
August 9, 2009 um 5:19
Hey liebe liebe tapfere Jojo,
. Aber: Du kannst echt absolut nichts dafür!! Konntest du ja nich ahnen.
grade bin ich vom Hüttenlager der Minis heimgekommen und hab gedacht ich muss sofort schauen ob du wieder was geschrieben hast.
Und dann kam gleich so eine traurige „Geschichte“. Toll finde ich es von dir, dass du versucht hast Malenga zu helfen bzw. das du ihm geholfen hast.
Ich verstehe auch, dass du dir Vorwürfe machst- kenn dich ja
Und Malenga sieht das ja auch so und ist dir dankbar.
Ich freue mich so sehr auf dich un kann es kaum abwarten. Ich zähle schon die Tage!!!
Bis gaaaaaaaaaaaaaanz bald,
Bussi Mel
August 9, 2009 um 8:11
Hey Jojo
erst gestern habe ich bei der Abschlussparty vom Hüttenlager während wir auf Freestyler getanzt haben, Mel zu gebrüllt: „noch eine Woche, dann kommt jojo !!!!!!“
Ich kann dir nur von Herzen gute Besserung wünschen und hoffen dass es dir und auch Malenga schnell wieder besser geht !
Eine wundervolle letzte Woche „mitten in Afrika“ wünsch ich dir!
Bis nächste Woche
ich freu mich sehr
Lätitia
August 10, 2009 um 9:24
haha, der freestyler, mein markenzeichen…ich dachte ja erst, den gibt es nur bei uns in der region aber von wegen…eines tages eher nachtes lauf ich hier so in eine disco rein, und was machen die leute??? sie tanzen den freestyler…da war ich natuerlich sofort dabei, und hab mich gleich wie zu hause gefuehlt…weisst du was das heisst wenn es etwas sogar bis nach burundi schafft? dann gibt es das auf der ganzen welt…freestyler all over the world…aber daheim machts am meisten spass…
bis in einer woche meine lieben