Die Pfingstkirche
Hier in Burundi gibt es nicht wie bei uns, zwei große Abspaltungen, die Katholiken und die Protestanten, hier gibt es die Katholiken und viele verschiedene Protestanten. Die Anglikaner, die Adventisten, die Pfingstkirchler, die Eglise vivante und wahrscheinlich vieles mehr, ich habe keine Ahnung. Sprich, die große Mehrheit hier ist Mitglied in den Kirchen, die bei uns schon als verrückte Sekten durchgehen würden. Die Katholiken, die ja bei uns eher die Strengeren sind, sind hier noch bei weitem die Liberalsten und auch Normalsten. Ich kenne mich in den ganzen verschiedenen Kirchen der Protestanten nicht so genau aus, aber in Muyinga scheint es von Pfingstkirchlern nur so zu wimmeln. Ich gerate ganz gerne in Diskussionen über Gott, aber die Pentecotisten machen mir so langsam wirklich Angst. Bei ihnen wird man in einem Schwimmbad getauft, was zwar bizarr aber eigentlich noch ganz lustig ist. Unlustig wird dann spätestens der Gottesdienst, der ganz und gar nicht typisch afrikanisch ist. In manchen Kirchen ist nämlich das Tanzen verboten, sprich man singt ganz stur und trocken ohne sich zu bewegen. Es herrscht fast so traurige Stimmung wie in Deutschland meistens. Nur der Priester bringt auf schreckliche Art und Weise Pepp rein, in dem er nicht normal predigt sondern aus voller Kehle herumschreit. Man könnte meinen, er selbst sei vom Teufel besessen. Nach jedem zweiten Satz schreit er „Halleluja“ und die Gemeinde schreit „Amen“ zurück. Das kann richtig aggressiv wirken. Es gibt allerdings auch die Pfingstkirchen in denen man tanzt und wie es da abgeht ist wirklich beeindruckend. Manchmal werden die Lieder mit ähnlichem Beat wie von Technomusik unterlegt und dann geht die Party ab. Und die Gesichter von den Menschen strahlen bis über beide Ohren, manchmal wirken sie fast wie auf Drogen, oder in Trance. Nein im Ernst, ich will nicht alles schlecht machen, so ein Gottesdienst ist wirklich etwas tolles, würde er nicht fast 4 Stunden dauern. Hier in Muyinga war ich ein Mal dabei, ganz nach dem Prinzip ein Mal nie wieder. Natürlich freuten sich alle über die Weiße in ihren Reihen, der Priester wollte nett sein, und rief mir zu „Muzungu, stand up!!“ was ich dann allerdings nicht so höflich fand. Dann musste ich also aufstehen und auf mich wurden zahlreiche Hallelujas geschrieen. War mir ein kleines bisschen unangenehm.
Eine Grundregel die gilt ist, diskutiere niemals mit einem Pentecotisten, du kannst nur verlieren. Trotzdem stürzte ich mich immer wieder aufs Neue in genau solche halsbrecherischen Diskussionen. Es ist wie eine Sucht und aus jeder Diskussion komme ich ein bisschen schwächer, wütender und noch verständnisloser heraus. Man könnte meinen in so einer Kirche findet man Freaks vor, aber dem ist nicht so. Das sind durchaus intelligente und gebildete Menschen. Du kannst mit ihnen über alles mögliche diskutieren, kannst ihnen Fragen stellen und logische Antworten bekommen, aber sobald es um die Religion geht, stellen sie sich dumm wie Schafe, die wie blind ihrem Hirten folgen.
Ihrer Meinung nach, kommen Massenmörder die an Jesus Christus glauben und ihn um Vergebung beten, in den Himmel. Gute Menschen die nicht an Jesus Christus glauben in die Hölle. Ich weiß nicht, das entspricht sogar vielleicht noch dem allgemeinen christlichen Glauben. Wenn ich sie dann frage ob sie nicht finden, dass ihr Gott ungerecht ist, schauen sie mich an, als hätte ich ihnen gerade eine heruntergehauen. „Gott ungerecht? Niemals.“ Aber mehr können sie dazu auch nicht sagen. Wenn man fragt, wie es denn für jemanden, der weit weg von jeglicher Zivilisation in einem einsamen Wald lebt, eine Sünde sein kann nicht an Jesus zu glauben, wenn er doch nie von ihm erfahren konnte, dann ist das die Schuld der Vorfahren und zuletzt ist die Schuld dann immer auf Adam zurückzuführen. Das andere für
Adam´s Sünden bezahlen müssen, wäre ungerecht, wenn nicht schon der Grundsatz gelten würde, dass Gott niemals ungerecht ist. Das mit Adam und Eva nehmen sie natürlich wörtlich, wir alle stammen von ihnen ab, niemals von einem Affen. Und außerdem wurde die Welt in sieben Tagen erschaffen. Wenn ich mit wissenschaftlichen Beweisen widerspreche interessiert das wenig, denn so steht es doch in der Bibel, wie kann man daran zweifeln? Wenn ich sage, dass bei uns das nicht mal die Priester glauben, sind sie dann doch erstaunt. Macht nichts, eines Tages werden die Afrikaner als Missionare zu uns kommen und uns an das erinnern, was wir ihnen einst beigebracht haben.
Alkohol trinken ist verboten. Frauen tragen nur bodenweite Röcke. Tanzen ist verboten, auf jeden Fall auf Musik die nicht für Gott ist und in Discotheken. Das mit dem Alkohol ist ja noch in Ordnung von mir aus. Aber das Tanzverbot kann ich als leidenschaftliche Tänzerin überhaupt nicht akzeptieren. Wieso ist Tanzen eine Sünde??? „Wir amüsieren uns nicht im Leben, aber dafür nach dem Tod.“ Na dann viel Spaß.
Diese Gesetzte gehen bei diesen Menschen über alles, vor allem über die Vernunft. Da gibt es den, der mir ernsthaft erzählt, er überlegt sich, sich von seiner Freundin, die er über alles liebt, zu trenne, weil sie nicht der Pfingstkirche angehört, und das auch nicht will. Da gibt es den anderen, der die Schule früh abgebrochen hatte und trotzdem einen superbezahlten Job als Bedienung in einem der besten Restaurants in Bujumbura bekommen hat. Er hat gekündigt, weil er es nicht verantworten kann, Leuten Bier zu servieren. Jetzt hat er einen schlecht bezahlten Job an einer Tankstelle, aber ist stolz auf sich, weil er im Reinen mit Gott ist.
Am meisten zum kochen bringt mich diese herablassende Art mit der ich bei solchen Gesprächen behandelt werde. Ich führe ihnen systematisch und mit logischen Argumenten vor, warum ich glaube, dass das was sie glauben Quatsch ist. Ich bin mittlerweile spezialisiert darauf, ihnen Fragen zu stellen, auf die sie überhaupt nicht mehr schlüssig antworten können. Aber ein Pentecotist hat immer eine Antwort parat, und weiß er nicht mehr weiter, bleibt immer noch der Satz „Das steht in der Bibel.“ Oder „Das hat man uns in der Kirche so gesagt.“ Und dann immer dieses allwissende Lächeln, fast schon die Schadenfreude, dass sie später im Himmel landen werden und ich nicht. „Du wirst schon sehen, wer Recht hat.“ Manchmal auch ein mitleidiger Blick „Ach, dir ist es noch nicht gelungen Jesus Botschaft zu verstehen.“ Aber oft meinen sie es auch gut, es gibt jetzt schon einige die nun regelmäßig für mich beten, dass ich doch meinen Weg zu Jesus finden möge. Zuerst werde ich jedoch ein Mal die andere Richtung einschlagen. Sobald ich zurück in Deutschland bin, werde ich aus der Kirche austreten. Halleluja.
(Bevor das jetzt wieder jemand in den falschen Hals bekommen könnte: Ich akzeptiere und respektiere alle Religionen. Ich habe hier nur meine individuelle Wahrnehmung von dem was ich zu sehen und hören bekomme und mein Unverständnis dessen, wiedergegeben. Ich möchte damit die Pfingstkirche nicht angreifen, bin für Religionsfreiheit, aber eben auch für Meinungsfreiheit.)


Juni 30, 2009 um 8:58
Liebe Johanna,
vielleicht solltest du das mit dem Kirchenaustritt ja zurückstellen, bis du genauso engagiert, wie du es in Burundi tust, mit den praktizierenden Menschen in deiner Ursprungsgemeinde und/oder in der Gemeinde in der du deine nährere Zukunft gestaltest, diskutiert hast über die Dinge, die dich beim Glauben beschäftigen.
Das dich Pfingstlergemeinden eher abschrecken, kann ich gut nachvollziehen.
Vielleicht hast du ja auch Lust uns mal in Kleve zu besuchen. Wir versuchen mit unserem Glauben möglichst vielfältig und kreativ umzugehen.
Ganz liebe Grüße
Beate
Juli 11, 2009 um 11:19
Meine liebe Jojo,
.
erst heute habe ich die neuen Berichte von dir gelesen. Aber denk nicht, ich habe dich vergessen, ich denke ganz viel an dich- jeden Tag eigentlich.
Grad mach ich mich fertig für das Sommerfest der Seniorenwohnanlage und so langsam muss ich mich beeilen, weil ich zu lange hier deine Berichte gelesen habe
Es ist unglaublich was du erlebst und ich freu mich so sehr darauf die Fotos zu sehen und „Live Berichte“ von dir zu hören.
Kaum zu glauben dass du in bissle mehr wie einem Monat wieder zurück bist!!
Ich freu mich wahnsinnig arg auf dich!! Wirklich…du fehlst hier.
10000 liebe Grüße, Umarmungen und guten Wünsche zu dir nach Burundi!!
Ich ruf dich bald mal wieder an, versprochen!
Deine Mel
Juli 15, 2009 um 8:17
Hey Jojo

Ohhhh ich freu mich auf dich :*
jetzt ist es ja echt nicht mehr so lange
ich freu mich riesig auf dich, hast mir im letzten Jahr echt total gefehlt!!!!
trotz aller Vorfreude auf zu Hause genieße die letzte Zeit noch mal ganz besonders!!!!!
Nach einer gewissen Zeit zurück in Deutschland ist wieder alles wie gehabt und auch ich habe nach vier Wochen daheim schon wieder Fern(Heim-)weh !!!
Bis demnächst
Fühl dich gedrückt
Juli 29, 2009 um 7:36
Der Countdown läuft
!!!!!!!!!!!!
August 8, 2009 um 4:00
Liebe Johanna,
ich weiß nicht,ob ich schon was zu Deinen Diskussionen mit den charismatischen Pfingstlern geschrieben habe. Bei mir war in den letzten Woche sehr viel beruflich los…….
Es gibt auch nicht viel zu sagen dazu.
Mein Rat: Diskutiere mit ihnen nicht über Religion.
Bleibe mit ihnen in Kontakt auf der „sachlichen“ Ebene, wo Du ja anscheinend ganz gut mit ihnen reden kannst.
Weich aus, wenn sie fundamentalistisch religiös werden.
Leider gibt es in jeder Religion fundamentalistische Strömungen.
Dass die Bibel nicht eins zu eins in das heutige Leben übertragbar ist, kann diesen Menschen nicht plausibel gemacht werden. Wichtig ist, dass Du Dich nicht verunsichern lässt.
Mit der Hexerei in Deinem letzten Bericht kommt man als Westeuropäer ja auch an seine Grenzen. Das ist vielleicht eine afrikanische Welt, in die wir nie Zugang finden werden. Vielleicht sagen wir dazu „psychische Störung“, wenn die Afrikaner von „verhext“ reden. Dann unterscheiden sich halt die Therapieformen. Solange der Hexer nicht die Menschenwürde verletzt oder gar einen Menschen lebensgefährlich traktiert, kann man wohl kaum was dagegen sagen.
Nun bin ich mal gespannt, wann wir Dich wiedersehen werden.Ich wünsche Dir jedenfalls ein gutes Abschiednehmen und ein gutes Wiederankommen in Deutschland.
liebe Grüße von Stefan und dem Rest der Familie