Die fünf Freunde& Co
Aufmerksame Blogleser werden sich sicher noch an Arno erinnern, das Straßenkind das mir vor etwa einem halben Jahr folgte und das einige Tage später aber wieder spurlos verschwand. Er tischte uns damals Lügengeschichten auf, erzählte er sei Waise obwohl er noch beide Elternteile hatte, zudem noch einen recht wohlhabenden Vater, der dafür bezahlen wollte, dass wir sein Kind behalten. Doch so weit kam es nicht, denn Arno verschwand spurlos und das traf mich, Lügen hin oder her. Ich hatte ihn mehr oder weniger „mitgebracht“ und somit fühlte ich mich verantwortlich, er war so zu sagen mein Kind. So sehr mich seine Anwesenheit glücklich machte, so sehr nahm mich sein Verschwinden mit. Ich ging nicht auf die Suche nach ihm, wo hätte ich da anfangen sollen, aber ich hielt dennoch immer nach ihm Ausschau, sah oft Kindern hinterher, die ihm ähnelten und sah mir immer wieder sein Foto an, um ja sein Gesicht nicht zu vergessen, was wohl eh nie geschehen wäre. Viel Zeit verging, ohne dass er irgendwo auftauchte, doch ich glaubte fest daran, ihn eines Tages wieder zu sehen, wusste ich doch, dass er mir finden würde, wenn er nur wollte. Und das tat er.
Gedankenversunken lief ich durch die Stadt, als ich im Augenwinkel ein Kind über die Straße auf mich zu rennen sah und als ich mich umdrehte, traute ich meinen Augen kaum. Es war er.
Natürlich erkannte ich ihn sofort und wir vielen uns in die Arme. Ich hätte vor Erleichterung fast zu weinen angefangen, was ich zum Glück dann doch gelassen habe, hier verstehen Menschen keine Freudentränen. Als ich mich noch kaum von ihm gelöst hatte, kamen auch schon seine fünf Freunde hinterher, die mich nicht weniger stürmisch umarmten. Arno strahlte mich an, und sagte, komm los, wir gehen zurück ins Heim. Und meine Freunde auch. Worauf hin diese alle zu jubeln begannen. Und schon war mein Lächeln vom Gesicht gewischt. Ein gequälter Gesichtsausdruck trat an seine Stelle, wie so oft, wenn ich so gerne helfen würde, aber nicht kann. Unser Straßenkinderheim platzt aus allen Nähten, das Essen reicht gerade so, das Letzte was wir brauchen sind neue Straßenkinder. Um uns herum bildete sich eine Menschenmenge, logisch, eine Muzungu mit einem Haufen Straßenkindern, das ist schon sehenswert. Also benutzte ich die Menschenmenge als Übersetzter. Arno ließ ich fragen, warum er denn das letzte Mal einfach so verschwunden sei. Als Antwort bekam ich, dass Essen sei nicht gut gewesen. Nur Maisbrei und Bohnen. Der Übersetzter fügte dann noch hinzu, dass das doch nicht möglich wäre, wir müssten den Kindern doch auch noch andere Dinge geben, zum Beispiel Fleisch. Während ich mich an meiner Wut fast verschluckte, versuchte ich dem Herren zu erklären, dass nicht mal ich mir Fleisch leisten würde. Von meinem kleinen Arno war ich ein weiteres Mal enttäuscht, was trotzdem nichts änderte. Wir klammerten uns weiterhin aneinander. In meiner Ratlosigkeit, was mit den fünf Freunden zu machen sein, rief ich unseren Heimleiter an , der sagte, bring sie alle mit, wir reden mit ihnen. Froh darüber, dass mir jemand die Entscheidung abnahm, zog ich also mit all den Straßenkindern los. Ich musste erst noch in einen Laden, auf dem Weg dorthin sammelten sich mehr und mehr Straßenkinder hinter mir an. In dem Laden, die Kinder mussten selbstverständlich draußen warten und wurden zwischen durch von Sicherheitsleuten auch noch von dem Gehsteig gejagt, versteckte ich mich eine Weile, in der Hoffnung, einige würden ungeduldig werden und verschwinden. Aber wie kann ein Straßenkind ungeduldig werden? Ganz im Gegenteil, es wurden noch mehr. Als ich wieder aus dem Laden herauskam, rief ich den Heimleiter noch einmal an, und fragte „Was ist, wenn aus den fünf Freunden zehn werden?“ Und damit sind wir genau an dem immer wiederkehrenden Problem des Helfens angekommen. Wo fängt man an und wo hört man auf. Angefangen hatte ich bereits, also lautete die Antwort bezüglich des Aufhörens: Überhaupt nicht. Ich bekam die Erlaubnis sie alle mitzubringen. Aber da lag ja noch der Weg zum Bus vor uns und während ich mit einer Meute Straßenkinder an meiner Hand, an die sich alle zu klammern versuchten, aus Angst nicht mitgenommen zu werden, jubelten sie lauthals vor sich hin. Riefen etwas von Fondation Stamm und „Wir gehen essen“, was ich ihnen dann untersagte, aber zu spät. Die Zahl nahm kontinuierlich zu und so langsam fühlte ich mich wie der Rattenfänger aus Hamel, und genau so starrten mich die Leute auch an. Ich wusste nicht was ich machen sollte, und als ich einmal einen leeren Bus auch nur ein paar Sekunden zu lange fixierte, stürmte die Kinder herein, als ginge es um ihr Leben. Plötzlich hatte ich einen ganzen Bus voller Straßenkinder und einen Busfahrer, der einen Wucher-Muzungu-Preis verlangte. Am liebsten hätte ich ihm die Augen ausgekratzt, aber stattdessen ließ ich einfach nur den Kopf hängen, komplett fertig mit der Welt. Was tat ich hier eigentlich? Arno nahm mich an der Hand und sagte, komm wir nehmen einen anderen Bus. Das taten wir dann auch, besser gesagt, wir nahmen noch mehrere andere, denn auch wenn ich vorher denn Preis verhandelte, sobald die Kinder alle saßen, war er schon wieder gestiegen. Irgendwann stieß ich dann auf einen humanen Busfahrer, und was für ein Glück, bis dahin war die Kinderanzahl auch schon wieder auf 15 gesunken. Wir fuhren los und auf allen Gesichtern lag ein Hoffnungsschimmer. War das die Busfahrt in ein besseres Leben? Sie waren bereit alles hinter sich zu lassen, für etwas von dem sie keine Ahnung hatten, wahrscheinlich weil das „Alles“ was sie hinter sich ließen Nichts war. Nur mein Gesicht war gezeichnet von Gewissensbissen, ich hatte nie vor, neue Straßenkinder einzusammeln, ich wollte vor allem erst ein Mal, dass es unseren Kinder gut geht. Und genau um diese Kinder machte ich mir jetzt Sorgen. Würden sie sauer auf mich sein? Mehr Kinder = weniger Platz + weniger Essen. Doch da habe ich wieder sehr unburundisch gedacht. Natürlich wurden die Kinder wurden von den Anderen sofort sehr herzlich und mit offenen Armen aufgenommen und mir viel zumindest der Stein vom Herzen. Die Heimleiter unterhielten sich dann mit allen Neuankömmlingen, von denen allerdings drei bereits mehrmals im Heim waren und wieder abgehauen sind. Und so ging es gleich weiter: vier von den 15 verschwanden einfach wieder kommentarlos, was mir nicht sehr viel ausmachte. Vier Probleme weniger. Der Rest blieb, einige stürzten sich sofort in Heimleben, als wären sie nie woanders gewesen. Nach dem die Gespräche vorbei waren, sollte ich die Kinder allerdings wieder mit in die Stadt nehmen und sie dort „aussetzten“. Wir wollten einen Termin ausmachen, an dem sie erscheinen sollten um zu sehen, wer auch ernsthaft Hilfe wollte. Die Kinder hatten alle noch Familie, die meistens einfach nur zu arm sind, um die Kinder durchzubringen. Man müsste sie also reinserieren, das heißt in die Familien zurückführen und denen einen Mikrokredit geben, damit diese sich irgendwie etwas aufbauen können, einen petit-commerce, um ein bisschen Geld verdienen zu können. Alles also wie immer eine Frage des Geldes…Zu dem Treffen würden wahrscheinlich eh höchstens die Hälfte erscheinen, wurde mir gesagt, sprich vier oder fünf, also überschlug ich das ganze schnell im Kopf und da ich in das Ganze eh schon viel zu tief herein gerutsch war und es nicht übers Herz brach, die gegebene Hoffnung einfach wieder zu nehmen, sagte ich „Ok, ich zahls.“ Die Fondation selbst, hat einen strengen Ausgabenplan und kann nicht auch noch die Kosten für solche Sperenzchen übernehmen. Aber insgeheim brachte mich dieses Versprechen dazu, zu hoffen, dass nicht all zu viele an diesem Treffen auftauchen würden. Doof, eigentlich.
Am Abend, musste ich die Kinder dann wieder in der Stadt zurück lassen, was auch nicht gerade angenehm war. Für mich war es so langsam Zeit, die Innenstadt zu verlassen, da es gefährlich wurde und die Kinder sollte ich auf sich alleine gestellt da lassen. Vor allem bei Arno, den ich solange nicht gefunden hatte, fiel es mir schwer, ihn wieder ziehen zu lassen. Und auch der kleine Fleury, höchste fünf oder sechs Jahre, der meine Hand gar nicht mehr los ließ, brach mir damit das Herz, als er mich bis zum Bus begleitete und dann draußen stehen bleiben musste.
Heute Morgen war das Treffen und das Unmögliche ist geschehen. Meine finanziellen Sorgen und die damit verbundenen Hoffnungen, es würden nicht so viele auftauchen, sind Schnee von Gestern. Es waren, alle, und zwar wirklich alle da. Selbst die, die eigentlich sofort wieder verschwunden waren. Die ganzen 15 und ich bin unglaublich froh darüber. Das ganze ist zwar ein teurer Spaß, aber wenn ich da durch Kinder in ihre Familien zurückbringen kann, dann ist das noch viel mehr Wert. Mein Geld hier, reicht vorne und hinten nicht mehr. Ungefähr 400€ wird das Ganze wohl kosten, sprich meine Eltern müssen wohl noch ein Mal etwas überweisen. (Wer eine arme Muzungu (ja die gibt es!!) unterstützen will, überweist an meine Eltern.:-) )

April 22, 2009 um 8:01
Liebe Johanna,
das ist ja ein spannender Bericht! Nur, hilft das Geld wirklich dauerhaft? Ist es nicht so, dass es irgendwann zu Ende ist und die Misere fängt von vorne an? Dann hat sich ja nichts geändert. Aber du weißt vielleicht besser, wie das Geld verwendet wird und wie lange es reichen wird. Und die Fluktuation wird wahrscheinlich bleiben, wie bei deinem ersten Kind und Zufriedenheit wird es wohl doch nicht geben. Vielleicht sehe ich auch zu schwarz, aber auch du kennst die Mentalität deiner Schützlinge inzwischen. Lass dich nicht unterkriegen!
Liebe Grüße
Eva
April 23, 2009 um 5:18
Liebe Johanna,
Opa hat heute angerufen und gesagt, dass er auch etwas dazu gibt. Wir schaffen das schon!
Viele Grüße
Dein B.
April 23, 2009 um 6:01
Liebe Johanna,
das ist ja eine story, die du uns diesmal auftischst!! Und so spannend! Spätestens, wenn du wieder nach Hause kommst, musst du wie deine Schwester unter die Buchautoren gehen!
Dass du etwas Bauchweh angesichts deiner Zusagen bekommen hast, verstehe ich gut. Da ich mir ohnehin vorgenommen habe, an burundikids nochmals eine Spende zu übermitteln, bin ich nun froh, dies auf direkterem Wege tun zu können. Ich wünsche dir sehr, dass wenigstens ein paar Kindern und Familien ein kleiner Erfolg deines Einsatzes beschieden ist, auch wenn du dies vielleicht gar nicht mitbekommst. Aber du hast genau richtig gehandelt und ich freue mich, wenn ich dir dabei von der Ferne etwas behilflich sein kann.
Ich wünsche dir weiterhin viel Optimismus und vor allem erfreuliche Erlebnisse
dein Opa
April 25, 2009 um 8:58
Liebe Johanna,
endlich melde ich mich auch mal wieder. Es ist atemberaubend, was Du erlebst! Dir gelingt es aber – wie es aussieht – gut, den Moment zu sehen und zu handeln und das Ganze – ein Fass ohne Boden – im Blick zu behalten. Sei froh an diesem Reichtum der Erfahrung, den Du nicht nur in Burundi „brauchen“ kannst! Wir sind in Gedanken oft bei Dir, und es ist schon spannend, dass Dein Aufenthalt in Burundi und Gabriels Aufenthalt in Indien unseren Blick in die Welt und ihre oft schwer verständlichen Zusammenhänge auf besondere Weise öffnen und schärfen. Danke!
Bleib dran, höre weiterhin auf Dein Herz (auch mal in der Verweigerung), bleib gesund und lass wieder von Dir lesen, vielleicht auch ein bisschen sehen (aktuelle Fotos?)
Liebe Grüße
Dein Stefan
April 27, 2009 um 5:10
Du liebe..Ich denke an dich :-*
April 29, 2009 um 9:00
hey ihr lieben
schoen, dass ihr immer noch fleissig meinen blog lest, auch wenn ich ueber laengere zeit inaktiv war…
wir versuchen den familien nicht einfach das geld zu geben, sondern es in irgendwas zu investieren, womit die familie dauerhaft geld verdienen kann…das ist mit so wenig zwar schwierig, aber hoffentlich irgendwie moeglich…
vielen dank lieber opa, papa und liebe mama…wusste das ich auf euch zaehlen kann.
vermisse euch, bis bald schon
eure johanna