Der „Wert“ eines Lebens

Man sagt jedes Leben sei gleich viel „wert“. Moralisch gesehen ist das vielleicht so, aber mit der Realität hat das wenig zu tun. Das muss ich hier immer wieder erleben. Damit meine ich nicht nur so Kleinigkeiten, wie dass der eine Busfahrer heute einen anderen, der vor mir im Bus saß wieder rausschicken wollte, damit ich mitfahren konnte und ich dankend mit der Begründung ablehnte, das wäre Rassismus. Mittlerweile bin ich es gewohnt, von meiner Umgebung als etwas Wertvolleres eingestuft zu werden, hier dreht sich alles um Geld, was im Endeffekt bedeutet, der Mensch ist soviel wert wie er Geld hat. Es klingt arrogant, aber man muss aufpassen, dass man diese allgemeine Überzeugung nicht auch übernimmt. Manchmal schleicht sich der Gedanke ein, dass da vielleicht ein Funken Wahrheit dran sein könnte. Ich denke an meine viel versprechende Zukunft, in der mir alle Türen und Möglichkeiten offen stehen. Vielleicht (hoffentlich) wartet ein erfolgreiches, langes Leben auf mich, könnte das nicht mehr wert, sprich lebenswerter sein, als ein Leben auf der Straße, in dem jeder Tag ein Kampf ums Überleben ist, und der Tag, an dem man diesen Kampf verlieren wird auch nicht mehr all zu fern ist? Nein. Solche Gedanken muss man schnell wieder verwerfen, denn wer vermag schon zu sagen, was ein lebenswertes Leben ausmacht? Ich nicht. Ein heikles Thema. Deshalb sollte ich mit dem Philosophieren aufhören und mich harten Fakten zuwenden: Dem „Wert“ eines mittellosen Menschen in Burundi.

Ich war heute in Kanyosha, in einem sehr armen Viertel Bujumburas unterwegs und auf einmal lag vor mir ein junger Mann, vielleicht in meinem Alter, auf dem Boden, im Schlamm. Erst dachte ich, er wäre tot, doch dann begann er sich verkrampft und unter Schmerzen zu winden. Er hatte spastische Zuckungen und Schaum vor dem Mund. Ein epileptischer Anfall. Ziemlich schnell bildete sich ein Kreis Schaulustiger um ihn, darunter ich, allerdings alles andere als schaulustig, sondern einfach nur geschockt und vor allem hilflos, wie schon so oft zuvor. Die Jungs, mit denen ich unterwegs war, drängten mich dazu, weiterzugehen. Doch ich konnte nicht einfach gehen, ich sagte, ich kann den doch nicht einfach hier sterben lassen. Also blieb ich zwar stehen, aber wäre er gestorben, hätte ich ihn trotzdem einfach sterben lassen. Die Menge murmelte ständig etwas von Muzungu, jeder erwartete von mir, dass ich etwas unternahm. Aber nicht jeder Weiße ist auch Arzt, was die Meisten hier jedoch glauben. Also blieb ich einfach nur stehen, unfähig, auch nur irgendetwas zu tun. Ich blieb stehen und litt mit. Jedes Mal, wenn sich der Mann zusammen krümmte, zog sich mein gequältes Gesicht zusammen. Als einziges. Die Menschen um mich herum blieben regungslos, unberührt. Für sie war der Vorfall wahrscheinlich eine willkommene Abwechslung zum tristen Alltag. Die Menschen hier haben schon viel zu viel gesehen, um sich von so etwas noch beeindrucken zu lassen. Wahrscheinlich ruhten mehr Blicke auf mir, als auf dem Mann. Dieser beruhigte sich nach einer Weile, blieb jedoch liegen, im Dreck, abwesend, starrte mit leerem Blick Richtung Himmel. Die anderen zogen mich weiter, doch in Gedanken blieb ich zurück. Ein Rotkreuz-Auto fuhr vorbei, ich rannte ihnen hinter her, hielt sie an, fragte sie verzweifelt, ob sie nicht irgendwie helfen könnten. Nein, dass könnten sie nicht, deswegen haben sie ihn liegen lassen. Aber das wird schon wieder werden. Hoffentlich, sagte ich, drehte mich noch einmal um, der Mann lag immer noch regungslos im Schlamm, die Leute begannen einfach an ihm vorbei zu gehen, als wäre nie etwas gewesen. Niedergeschlagen wurde mir bewusst, wie wenig ein Leben wert sein kann. Das ist so in Burundi, versucht mich einer der Jungs zu trösten. Es ist wahr. Es ist so, und ich habe diese Wahrheit schon erstaunlich gut akzeptiert. Ich hätte ein Taxi anhalten können, ich hätte mit ihm in ein Krankenhaus gehen können, ihm Medikamente kaufen, für zukünftige Anfälle. Ich hätte viel Geld ausgeben können, um ihm vielleicht helfen zu können, vielleicht auch das Leben zu retten, aber irgendwie war es mir das nicht wert und das erschreckt mich selber wohl am allermeisten. Wie weit darf Anpassung gehen?
Wenn man hier eine schlimme Krankheit hat, dann stirbt man eben. Manchmal selbst an harmlosen Krankheiten. Man hat hier sogar gesund genug Gelegenheiten zu sterben. Wenn ich wollte, könnte ich hier jeden Tag Leben finden, die gerettet werden könnten. Gerettet? Für wie lange? Und wie geht es dann weiter? Im Großen und Ganzen kann man nichts ändern, und so hart es auch klingt, aber um effektiv arbeiten zu können, muss man sich auf die leichten, viel versprechenden Fälle konzentrieren und die Problemfälle außen vor lassen. Ich glaube das ist oft ein Problem der Weißen, die in der Entwicklungshilfe arbeiten, sie bringen das, verständlicherweise, nicht übers Herz. Einheimische, die in dieser harten Realität aufgewachsen sind, können das Ganze emotionsloser, nüchterner betrachten. Unmenschlicher? Vielleicht.

Der Wert jedes Menschen sollte gleich sein, ist jedoch relativ. Hier liegt er sicher zu tief, doch ich frage mich manchmal auch, ob wir nicht übertreiben. Ist es wirklich nötig, praktisch schon tote Menschen über lange Zeit mit hohem Einsatz am Leben zu halten? Vielleicht ja, doch wie fühlen sich Ärzte, die das Leben um jeden Preis schützen, wenn sie doch wissen, dass anderswo Menschen an Grippe sterben, weil sie sich keinen Arzt leisten können? Haben sie nicht das Gefühl am falschen Ort zu sein?
Das Leben ist absurd. Warum können wir Menschen bis zum Mond fliegen, schaffen es aber nicht, die überaus ausreichende Nahrung gerecht auf der Welt zu verteilen? Sind wir wirklich noch Menschen oder bereits zum Roboter mutiert? Fragen, die die Welt leider nicht bewegen, aber über die ich mir hier in Burundi so hin und wieder mal Gedanken macht. So. Das war mein sehr verspätetes Wort zum Sonntag.

3 Antworten zu “Der „Wert“ eines Lebens”

  1. Lätitia Sagt:

    Liebe Jojo
    Krass….für uns einfach immer wieder unvorstellbar, ich weiß gar nicht so recht was ich sagen soll…
    Gedanken, warum z.B. die vorhandenen Nahrungsmittel nicht so verteilt werden können, dass wirklich kein Mensch auf dieser Erde an Hunger leiden muss, führen hier ja schon zu Kopfzerbrechen, aber für dich muss das noch viel schlimmer sein, wenn dir das schreckliche Elend tagtäglich begegnet und dich dazu zwingt dich damit auseinander zu setzen!
    Ich wünsche dir immer wieder neue Kraft diesen Herausforderungen standzuhalten und vielleicht zumindest auf manche Fragen eine Antwort oder wenigstens eine Erklärung zu finden :)
    Sei ganz lieb gegrüßt
    deine Lätitia

  2. Hey Jojo!
    Es ist einfach erschreckend zu hören, wie ausschlaggebend Fragen wie zum Beispiel die über den Wert eines Lebens (zB im Bezug auf medizinische Versorgung) in Burundi sein können. Wir, hier in unserer heilen Welt, denken zwar manchmal über herrschende Ungerechtigkeiten oder ähnliches nach, doch da wir davon nicht direkt betroffen sind, bleibt es dann doch meistens bei einer Überlegung oder einer kleinen, fast nichts bedeutenden, Diskussion.
    Du bist nun in Burundi jedoch jeden Tag mit Fragen über den Wert eines Lebens und ähnlichem konfrontiert. Ich denke, es ist ganz normal, dass du dich (auch wenn man es erst erschreckend findet) in irgendeiner Weise dagegen schützst, dass du an solchen Fragen zerbrichst… Natürlich macht einen jedes einzelne Schicksal betroffen, aber man kann nicht die ganze Welt verändern (nicht jedem einzelnen helfen) und deswegen kommt es darauf an, was du in deinem letzten Bericht geschrieben hast: dass die Erinnerung an dich einigen Leuten ein Lächeln ins Gesicht zaubern wird. Und ich bin mir sicher, dass es bei dir sehr viele Leute sein werden.
    Ich wünsche dir weiterhin viel Kraft und Mut. Pass gut auf dich auf, ich vermisse dich!
    Hdl

  3. Barbara S. Sagt:

    Liebe Johanna,

    so ein epilteptischer Anfall ist wirklich dramatisch und erschreckend. Wenn man keine Medikamente besitzt kann man leider überhaupt nicht helfen – ich bin auch noch geschockt von deinem Bericht.
    Ich hoffe, du kannst das alles irgendwie verarbeiten – melde dich jederzeit wenn du willst, dann rufe ich dich an!

    Herzliche Grüße
    Barbara

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