Zwischenbilanz

(hier mein Weltwärtsbericht, denn ich alle drei Monate abliefern muss. Dachte mir, da ich eh schon lange nichts mehr geschrieben habe, könnte ich auch den mal hier rein stellen)

Mehr als die Hälfte, des am Anfang unendlich erscheinenden Jahres, ist jetzt bereits vorbei. Zeit zurück zublicken, was man in dem vergangenen halben Jahr gemacht und erreicht hat, und auch Zeit voraus zublicken und sich Gedanken darüber zu machen, was man mit der bleibenden Zeit noch anfangen will.

Der Alltag hat einen längst eingeholt, man hat seinen festen Wochenplan und auch die Wochenenden bringen nicht viel Abwechslung. Neue Erfahrungen sind Schnee von gestern man hat das Gefühl man erlebt überhaupt nichts mehr Erwähnenswertes und dementsprechend werden Blog-Einträge zu einer immer größeren Seltenheit. Vor ein paar Wochen habe ich hier, in meinem Abenteuer Burundi tatsächlich den Punkt erreicht, wo ich einfach nur noch gelangweilt war und Langeweile demotiviert. Allerdings hat mich diese Krise, in der sich mir die Frage stellte, was will ich hier eigentlich überhaupt noch, weitergebracht, denn ich habe eine Antwort gefunden. Ich will mich nicht aus lauter Bequemlichkeit von einem monotonen Ablauf einschläfern lassen, sondern die Herausforderungen suchen, wenn sie mich schon nicht mehr von alleine finden. Und tatsächlich, wenn man sich einmal die Zeit nimmt, in sich selbst hineinzusehen, sind da so viele Ideen, die bis jetzt nur darauf gewartet haben umgesetzt zu werden, weil es bis jetzt an Motivation oder Mut gefehlt hat. Eine der Entscheidungen, die ich jetzt gefasst habe, ist, für ein, zwei Wochen oder vielleicht auch länger, in einem der Heime im Landesinneren zu arbeiten. Natürlich macht es mir ein wenig Angst, dort dann niemanden zu kennen und erst einmal ganz auf mich alleine gestellt zu sein, aber wer Herausforderungen sucht, muss sich eben auch etwas trauen und vor allem freue ich mich eigentlich auf die neue Erfahrungen, die ich dann wohl endlich wieder zahlreich erleben werden darf.

Und auch hier in Bujumbura habe ich mich wieder neu aufgerafft und einfach mal neue Sachen ausprobiert, zum Beispiel habe ich die Kinder aus dem Kindergarten, die mir inzwischen sehr, sehr ans Herz gewachsen sind, zu Hause besucht, weil ich es immer Schade fand, dass sich der Kontakt nur auf den Kindergarten beschränkt hat. Also habe ich einfach mal mit meinen Kirundi-Bruchstücken erklärt, dass ich gerne sehen würde, wo und wie sie leben. Also sind wir nach dem Kindergarten zusammen losmarschiert, in die ärmlichen Dörfer der Kinder. Diese waren unglaublich stolz, eine Muzungu in ihr Dorf zu führen, und dann haben sie mir ein Haus, und eine Mutter nach der nächsten gezeigt, die sich alle irrsinnig gefreut haben mich zu sehen. Die Anfrage, ob ich nicht ein Dach, durch das es durchregnet reparieren kann, habe ich wie gewöhnlich einfach ignoriert. Sicher werde ich die Kinder noch öfter besuchen, doch jetzt sind dann erst einmal Ferien und auch in denen haben wir jetzt Programmpunkte geplant, die wir schon immer mal mit Kindern machen wollten, aber nie dazugekommen sind, von Kinonächten, über Lesenachmittagen zu Spielaktionen und zukunftsorientierten Gesprächen mit unseren Älteren. Jetzt wartet das ganze nur noch auf Umsetzung und sobald wir einen Ferienplan ausgehängt haben, gibt es kein zurück mehr. Oft ist es nur all zu einladend, einfach nur bei den Kindern zu sein, sich zu unterhalten und Blödsinn zu machen, denn wenn man etwas organisiert, bedeutet das auch oft Probleme und Enttäuschungen. Aber im Endeffekt lohnt es sich dann eben doch meistens.

Zurzeit findet man mich immer häufiger im Straßenkinderheim, wo ich bei 150 Kindern das Glück habe, jeden Tag jemanden neu oder besser kennen zu lernen. Dort macht es mir neben dem Computerunterricht, einfach unglaublich Spaß mit den Kindern und Jungs Zeit zu verbringen, Kirundikenntnisse gegen Englischkenntnisse auszutauschen, zu diskutieren, rumzutoben und Fußball zu spielen. In dem Waisenheim, in dem ich wohne, bin ich außerhalb des Wohnens nicht mehr ganz so oft, aber ich gebe weiterhin den Tanzunterricht, und werde jetzt wo wir wieder funktionierende Computer haben auch wieder mit dem Computerunterricht beginnen.

Im Großen und Ganzen sind meine Ziele längst nicht mehr, die Welt zu verändern, sondern einfach nur mit den Menschen hier zu leben und von ihnen zu lernen und wer weiß, vielleicht kann auch ich ihnen irgendetwas auf ihren Weg mitgeben. Am Ende des Jahres, werden die Spuren, die ich hier hinterlasse, zwar keine nachhaltigen Projekte sein, aber vielleicht einige Leute, die die Erinnerung an mich zum lächeln bringt.

5 Antworten zu “Zwischenbilanz”

  1. Hermann Seitz (Opa) Sagt:

    Liebe Johanna,
    wahrscheinlich habe nicht nur ich tatsächlich immer wieder nachgeschaut, wann „endlich“ wieder ein Eintrag in deinem Blog erscheint. Nun hast du in deinem „Weltwärtsbericht“ einen tiefen, bewundernswerten Einblick in dein derzeitiges Innenleben gegeben und in deine Entscheidungen, die daraus resultieren. Äußerst interessant und lebendig hast du das wieder geschildert und ich kann dir nur wünschen, dass der von dir erwartete Auftrieb deines Alltagslebens und auch das Abenteuer Landesinnere gelingt. Dass dir nach wie vor dein dortiges Leben Genugtuung bereitet, kann man aus verschiedenen Bemerkungen aus deinem Bericht herauslesen. Eine, deine kleine Welt dort kannst du mit Sicherheit etwas verändern! Angenehme, „nachhaltige“ Erinnerungen vieler Kinder an dich beispielsweise werden auf jeden Fall bleiben.
    Oma hat jetzt gerade eine recht positive Phase. Ich werde ihr deinen Bericht heute vorlesen.
    Alles Gute und viele Grüße
    dein Opa

  2. Hallo meine liebe Jojo!!
    Endlich mal wieder was zu lesen von dir! Wie dein Opa hab auch ich schon darauf gewartet :-) .
    Schön, dass du dich nochmal bewusst dafür entschieden hast und dass schon wieder neue Pläne schmiedest :-) . Hoffentlich hast auch im Landesinneren Internet, so dass wir weiterhin von dir hören?! Und unser geplantes Sykpen mal wieder klappt?!
    Ich denke ganz oft an dich, erzähl hier auch viel von dir und hoffe es geht dir gut!!
    Ganz liebe Grüße, Umarmungen und Bussis zu dir!
    Mel

  3. Eva Seitz-Brückner Sagt:

    Liebe Johanna,
    ich kann mir gut vorstellen, dass auch dort das Leben manchmal langweilig wird, wenn man so viel gesehen hat und die „Anfangsüberraschungen“ verdaut sind.
    Es ist gut, wenn du neue Pläne schmiedest für dich und auch tiefer eindringen willst in das Leben der Kinder und Familien dort.
    Werdet ihr dort auch Ostern feiern? An Weihnachten habt ihr ja viel gebastelt und gefeiert in der Afrikahitze, was sicher komisch war für euch.
    Ich wünsche dir weiterhin alles Gute und viel Energie für neue Erfahrungen.
    Alles Liebe
    Eva

  4. Gerade bin ich aus einem wunderschoenen Namibiaurlaub wiedergekommen und da dacht ich mir, schau ich mal was es neues aus Burundi gibt!! Das mit dem Alltagsleben kenne ich und trotzdem passieren immer wieder ungeaehnte Dinge…man erlebt mittlerweile nicht mehr sondern lebt, was ich genauso schoen finde! Ich bin mir sicher jeden von uns hinterlaesst eine Spur, auch wenn es nur eine ganz kleine ist…genauso wie es anders herum ist, die Menschen hier hinterlassen eine riesen Spur bei mir!!
    Alles Liebe aus dem Sueden,
    deine Lina

  5. B. Seitz Sagt:

    Liebe Johanna,
    ich habe deine Zwischenbilanz erst heute gefunden, da ich mangels Einträgen auch nicht mehr so häufig nachschaue. Kurz vorher bekam ich die Mail, dass dein Handy geklaut worden ist – das ist für dich sicher sehr frustrierend, vor allem wegen der Bilder und anderen Erinnerungen. Wir hoffen, du lässt trotzdem den Kopf nicht völlig hängen und wünschen dir frohe Ostern – falls du Domi erreichst, richte ihm bitte Grüße und Glückwünsche zum Geburtstag aus.
    Dein Babba

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